16,6 %

Wisst ihr, wie groß das Risiko ist, sich die tödliche Kugel im Russisch Roulette in den Kopf zu jagen? Die Antwort lautet 16,6 %. Wikipedia nennt es ein „potentiell tödliches Glücksspiel.“

Man ist quasi zu 16,6 % suizidgefährdet.

Ich frage mich: Wieso werden Essstörungen auf Wikipedia eigentlich nicht auch als potentiell tödliches Glücksspiel beschrieben? An Magersucht sterben nach den neuesten Statistiken etwa 10-15 %. „Essgestörte haben ein Suchtgehirn“ sagt meine Therapeutin hin- und wieder und ich glaube ich verstehe jetzt was sie meint.

Ich spiele schon lange. In der Spielhalle nebenan kennt man mich. Ich habe meinen Stammplatz und meine Lieblingsautomaten. Der Inhaber kennt mich beim Vornamen. Ich bringe immer ein Handtuch, eine Wasserflasche und meine Musik mit. Zu schnellen Aerobic-Techno-Pop-Remix-Sounds steuere ich meine Arme und Beine mit den 2-Kilo Hanteln durch den Trainingsparcours. Ich springe über Hindernisse, weiche blitzschnell aus, drücke genau im richtigen Moment. Jackpot. Der Schrittzähler blättert geräuschvoll. Der Kalorienverbrauch ist mein Gewinn. Ich will mehr, noch mehr. Bei -1200 Kalorien muss ich weitere Münzen einwerfen, aber ich habe nichts dabei. Aber das macht nichts, denn ich lasse mir die Extrakosten einfach immer aufschreiben, mit dem Versprechen dass ich wieder kommen und zahlen werde, dass ich daheim alles nachholen werde, dass ich die fehlenden Kalorien wieder gut machen werde. Das scheint kein Problem zu sein. Ich bin ein guter Kunde.

In Wahrheit zahle ich meine Spielschulden nie. Ich kann nicht, habe doch gar kein Geld mehr auf dem Konto. Aber genau deswegen spiele ich ja, um mehr zu verdienen. Sodass ich irgendwann eine riesige Summe gewinnen werde, mit der ich alles abbezahlen kann. Der Weg dahin ist steinig: Aber Erfolg kommt eben nicht von Ungefähr. Irgendwann werde ich gewinnen und dann werde ich zufrieden und glücklich sein.

Es ist spät, schon fast 9 Uhr. Eigentlich sollte ich nach Hause gehen. Aber ich bin hier noch nicht fertig. Da geht noch mehr, das spüre ich. Gerade eben kam mir eine ganz fixe Idee, wie ich mein Kalorienkapital noch weiter steigern kann. Also renne ich weiter, immer weiter, die Techno-Musik dröhnt in meinen Ohren.

Auch daheim dröhnt es weiter. Überall stehen Automaten, überall Coins und Chips. Der wichtigste Automat ist der im Badezimmer. Wie ein Altar thront er neben der Waschmaschine. Ich ziehe meine Kleidung aus und mache einen Schritt auf die Waage. Die digitalen Ziffern wandern langsam nach oben und ich versuche, im richtigen Moment zu stoppen. Ich versuche den Hebel in der richtigen Sekunde zu ziehen, versuche die gewinnende Zahl zu erzielen. Es ist ein bisschen wie Lotto. Die Zahlen ändern sich stets, bleiben nie gleich. Jede Woche sind es neue Werte, die mir den gewinnbringenden Sieg verschaffen. Anstatt sechs, gibt es hier nur vier Treffer. Jede Ziffer zählt, auch die hinter dem Komma. Die Chancen stehen 1:1000000.

In der Küche verwandelt sich meine Gabel in einen Revolver und zeigt mit ihren spitzen Zacken auf mich. Ich öffne den Mund, in dem Wissen, dass jeder Bissen einer zu viel sein kann. Jedes Mal wenn ich die Gabel wieder zum Mund führe, kalkuliere ich das Restrisiko.

Mit der Gabel in der Hand denke ich:  Was sind schon 16,6 Prozent?

Reportage zum Thema Essstörungen -Aufruf!

Anbei stelle ich für euch einen Aufruf von Daniela von der Produktionsfirma 99pro bereit. Ich finde, dass es wichtig ist authentische und ehrliche Berichte zum Thema Essstörungen an die Öffentlichkeit zu bringen. Gerade ein so oft missverstandenes und medial geprägtes Thema braucht die öffentlichkeitsaufmerksame Aufklärung von Seiten Betroffener.

Daher seid ihr, die ihr das lest und ins Profil passt, herzlichst aufgerufen euch zu melden, falls ihr euch vorstellen könnt an so einem Bericht mitzuwirken.

 

ERZÄHL UNS DEINE GESCHICHTE!
Wir suchen Kinder und Jugendliche (ca. 5-17 Jahre alt), die sich infolge einer Erkrankung in einer schwierigen Lebenssituation befinden. Wir möchten Familien, denen aufgrund solcher Schicksale eine besondere Stärke abverlangt wird, die Chance geben, sich mitzuteilen und andere an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Um Verständnis zu schaffen und um Mut zu machen. Unsere Reportage wird absolut authentisch erzählt, das heißt: Wir passen uns deinem Lebens-Rhythmus an.
Ein halbes Jahr möchten wir Euch im Alltag und bei wichtigen Ereignissen begleiten. Für die Reportage sind ca. 10 Drehtage geplant. Wenn Du Dich von uns mit der Kamera begleiten lassen möchtest, dann kontaktiere uns.
Tel.: 0341 97 4251 71
daniela.franzisi@99pro.de http://www.99pro.de

Pro Ana Salonfähig

Schuld ist ein ziemlich ekliges Wort. Schuld schmeckt selbst mit Zuckerguss noch bitter. Verständlich also, dass man als guter Gastgeber besser nicht zugibt, dass man den Kuchen mit einer Prise Schuld gewürzt hat. Lieber reicht man die Schuld durch die Reihen weiter, bis sie irgendwo wieder an anderer Stelle auftaucht und man mit erhobenem Zeigefinger rufen kann: „Da ist sie, die Schuld!“

Als bereits vor mehr als einem Jahrzehnt das Internet-Phänomen „Pro Ana“ seine Hochphase erlebte, konnte man beobachten wie der Schuldbegriff durch die verschiedensten Institutionen wanderte und letztendlich bei den Medien hängen blieb. Vor allem Formate wie „Germanys Next Topmodel“ oder Magazine wie die „Vogue“ sollten die sein, die Schuld waren – an allem. Am vorherrschenden Frauenbild, an dem Magerwahn, dem geringen Selbstbewusstsein junger Mädchen, an den skurrilen Vorlieben der Modeschöpfer, an Programmen wie Photoshop, an der Ungleichbehandlung beider Geschlechter…die Liste könnte unendlich fortgesetzt werden. Ein Sündenbock für längst bestehende gesellschaftliche Probleme und Entwicklungen wurde identifiziert.

Innerhalb der Medien wurde wiederum ein interner Kampf ausgefochten. Die Magazine warfen die Schuld über den Zaun in den Garten von Heidi Klum. Das Modelformat bezichtigte große Marken und Designer und die nahmen letztendlich den Schuldklumpen und schickten ihn zurück wo er hergekommen war. Ein Kreislauf.

Mit neuen Gesetzen und dem Sperren zahlreicher Websites flachte die Diskussion langsam wieder ab. Hin und wieder ploppte ein kleiner Zeigefinger auf, zum Beispiel als ein Laufstegmodel an den Folgen ihrer Magersucht verstarb, oder als Isabelle Caro 2007 das „No Anorexia“ Plakat authentisch bebilderte. Aber vordergründig war die Message eindeutig: Die Medien-und Modewelt hatte verstanden. Magermodels wurden verboten, Seiten gesperrt, Hilfskampagnen gestartet. Also nehmt gefälligst den Zeigefinger runter und sperrt die Schuld wieder zurück in den Tresor.

2016 ist von dem mahnenden Zeigefinger nichts mehr geblieben. Pro Ana ist salonfähig geworden. Insbesondere ein Artikel, den ich erst gestern entdeckt habe, hat mich besonders schockiert.

„An Weihnachten nicht zunehmen? So geht’s!“ lautet die Headline in der Rubrik „Gesundheit“ des Frauenmagazins Brigitte. Ein Salatweihnachtsbaum mit Beerenkugeln, der auf einem Teller liegt, leitet den Artikel ein. Ich habe diese Art Foto schon einmal gesehen. Lange ist das her, sehr sehr lange.2005 muss das gewesen sein, als auch ich den Weg in die geheime Pro-Ana Welt des Internets gefunden habe. Vorbei an schwarz-weiß gifs blutender Unterarme, vorbei an Zeichnungen von dürren Elfenwesen mit gebrochenen Flügeln, bis hin zum Portal des Forums „Thindarella“ das einen leeren Teller mit einem Salatblatt als Titelbild gewählt hatte. „Dont Eat“ stand kursiv und in Times New Roman darunter. Dont Eat war auch das Motto der Thindarellas. In der Rubrik „Tipps und Tricks“ gab es die entsprechende Anleitung dazu.

Im Artikel sind es keine Tipps oder Tricks – es sind Strategien. Nichtsdestotrotz kommen mir auch die unheimlich bekannt vor.

Strategie 1 zum Beispiel, lautet:

„Essen elegant umschiffen“

Ich lache innerlich in mich hinein und denke daran wie unelegant doch meine ersten Umschiffungsversuche waren. Wie ich täglich allergischer gegen hochkalorische Nahrungsmittel wurde, vom Vegetarier zum Veganer zum Frutarier wurde, eine ganz spezielle Lacto-Ovo-Gluten-Fructose-Intolreanz vermutete und wie ich mir alle zwei Wochen einen bösen Magen-Darm-Infekt eingefangen hatte.

Strategie 2 rät:

„(…) anstatt mit der Familie bis in die Puppen rumzuhängen und bunte Teller leerzuessen (…)“

lieber ein bisschen mehr zu schlafen.

Das ist einfach denke ich mir. Wenn man den ganzen Tag damit beschäftigt ist Kalorien zu zählen, Essen zu planen, Essen zu betrachten, Rezepte zu wälzen, Pizzacollagen zu basteln und Kekse zu backen, dann hat man ohnehin keine Energie für Familienabende mehr.

Besonders Strategie 3 sticht mir ins Auge:

„Echt cool – eure Wohnung.“

Hier wird geraten die Zentralheizung auszustellen.

„(…) Je kälter der Raum, desto mehr muss der Organismus ackern, um sich auf Betriebstemperatur zu bringen. (…).“

Ich erinnere mich. Im „Tipps und Tricks-Thread“ der Thindarellas war das Eiswasserbad wochenlang der heisseste Tipp. „Ich habe gehört dass Ana C. Reston sich immer in eine mit Eiswürfeln gefüllte Badewanne gelegt hat um Kalorien zu verbrennen“ wurde diskutiert. „Habt ihr es schon probiert? Funktioniert es?“ Jeder im Forum wusste wer Ana C. Reston war. Als das brasilianische Model 2006 an Organversagen starb, betrug ihr BMI 13,2.

Auch die Strategien 4 bis 10 klingen verdächtig nach eben jenen Strategien, die einst von sehr kranken Mädchen entwickelt wurden und dann tausendfach und in zig Sprachen in die weite Welt des Internets getragen worden sind. Das Stichwort „Pro Ana Tipps“ führt bei Google zu unzähligen Treffern, die auf Blogs wie beispielsweise diesen hier führen: https://mirror-mirror-on-the-wall.jimdo.com/hunger/. Wenig überraschend, dass ich fast alle Strategien des Brigitte Artikels auch hier vorfinde.

Wie kann es sein, frage ich mich, dass eine Frauenzeitschrift ganz ungeniert so etwas schreiben kann und sich im nächsten Augenblick für selbstbeständige und unabhängige Frauen aussprechen kann und dass niemand einen Widerspruch hierin sieht?

Sind das wirklich die Dinge, die Frauen an Weihnachten beschäftigen? Kalorienverbrauch durch Frieren?

Wenn Angela Merkel einen besseren Geschmack in puncto Hosenanzüge aufweisen würde und an Weihnachten weniger schlemmen würde, hätten wir dann bereits Fortschritte in der Asyl-und Flüchtlingspolitik verzeichnen können? Hätte die Finanzkrise verhindert werden können? Wenn Hillary Clinton Eiswasserbäder genommen hätte, hätte sie vielleicht die Wahl gewonnen?

Haben Frauen jahrhundertelang für Emanzipation gekämpft, um sich heute, 2016, darüber zu definieren, wie wenig sie an den Weihnachtsfeiertagen zunehmen können?

Kommen wir zurück zu der Frage nach dem Zeigefinger und der Schuld. Sind wir vielleicht selbst daran schuld? Sind es wir Frauen, die nach solchen Inhalten verlangen und sie insgeheim, wenn keiner hinschaut, verschlingen wie einen Low-Cal-Soja-Latte-Schokochino mit Stevia? Wollen wir die Karrierefrau sein, die verdammt sexy in ihrem Bleistiftrock aussieht und mangelnde Kompetenz mit Attraktivität ausgleichen kann? Wollen wir die Super-Power-Frau sein, die Kinder und Karriere unter einen Hut bringt und neben ehrenamtlichem Engagement noch Zeit dafür findet jeden Sonntag Kuchen zu backen? Die, die mit einer Pizza in der Hand auf dem Laufband steht und einem Ideal hinterherrennt, dass sie innerlich verteufelt? Ich habe ein bisschen Angst davor, dass die Antwort ja lautet. Denn es ist nun einfach mal so, dass die Redaktion jeder Modezeitschrift und jedes Frauenmagazins zum Großteil aus Frauen besteht.

Die Nachfrage bestimmt das Angebot, würden Wirtschaftswissenschaftler vermutlich sagen. Und um für das nötige Marktgleichgewicht zu sorgen, müssen Frauen an Weihnachten fasten und Männer Rehbraten verspeisen.

Besagten Artikel habe ich über die Brigitte-App gefunden. Ich habe sie mir selbst heruntergeladen. Gerne beschwichtige ich mich selbst, dass ich die Inhalte darin ja gar nicht wirklich ernstnehmen würde, dass ich nicht so oberflächlich bin. Und doch sitze ich hier, an Weihnachten und tippe 2000 Zeichen zum Thema Abnehmstrategien. Eine Ansicht, die salonfähig geworden ist, das ist eine die früher mal inakzeptabel und als zu extrem angesehen wurde. Eine, die heute den Nerv der Zeit trifft und irgendwie, auch wenn man es nicht so recht zugeben möchte, genau das widergibt, was man eigentlich denkt.

Vielleicht sind es also nicht die Medien, die Zeitungen, die Hochglanzmagazine, die dürren Models in Paris oder Heidi Klum die Magersucht salonfähig gemacht haben. Vielleicht sind es auch wir selbst.

Skurrile Dinge die mir als Essgestörte passiert sind (Teil 1)

Win-Win Situation

Meine damalige Mitbewohnerin in der betreuten WG, nennen wir sie mal M., kaufte sich nach langer Zeit wieder ihr erstes Müsli. Nach einem stundenlangen Streifzug durch den größten Supermarkt den wir finden konnten, entschied sie sich –Überraschung- für das mit den wenigsten Kalorien. Früchte-Haferflockenmischung mit Dinkelflocken und Rosinen. Am nächsten Morgen kam sie mit einer Tüte voll Rosinen zu mir uns strahlte: Für dich!

Ich denke ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass mich in puncto Essstörungs-Logik mittlerweile nicht mehr wirklich viel wundern kann. Das machte mich dann aber doch ein wenig stutzig. Womit ich diese Geste verdient habe, fragte ich. M. hielt mir die Tüte Rosinen noch immer vors Gesicht. Ich erinnerte mich daran wie ich meiner Familie jahrelang selbstgebastelte Traumfänger und Klorollen-Stiftehalter zu Weihnachten geschenkt hatte und wie sie, um mich nicht zu kränken, immer ein zaghaftes das-wäre-doch-nicht-nötig-gewesen Lächeln aufgesetzt hatten. Auch ich setzte nun dieses Lachen auf.

Du magst doch Rosinen, sagte sie, und ich mag sie nicht. Und da ich das Müsli wirklich am allerbesten von allen fand (natürlich nicht wegen der Kalorien) habe ich gedacht, ich sortiere die Rosinen einfach aus und schenke sie dir. Dann haben wir beide was davon. Eine Win-Win Situation!

 

Weihnachtsstimmung

Am 6. Dezember zog der Klinik-Nikolaus seine Runde durch alle Stationen des Krankenhauses und verteilte Schoko-Nikolause an die Patienten. Einzig die Diabetes-Station bekam Nüsse und Äpfel, aber ansonsten freuten sich alle über die kleine Weihnachtsnascherei.

Oben angekommen, auf Station 5, packte der Nikolaus seine letzten 20 Nikolause aus und verteilte sie an uns. Aber anstatt Freude brach Panik aus. Müssen wir das essen? fragte es von links. Gilt das als Zwischenmahlzeit? fragte es von rechts. Ich habe Angst vor Schokolade, schluchzte wer von hinten. Der Nikolaus sichtlich überfordert, blickte hilfesuchend in Richtung Schwesternzimmer. Sofort kam eine der Pflegeschwestern hinausgestürmt und versuchte die Wogen zu glätten. Haben sie denn keine Äpfel mehr? Flüsterte sie dem Nikolaus zu. Die sind im anderen Sack, der steht unten auf der Diabetes-Station. Soll ich den mal holen gehen? Die Schwester nickte. Indessen kam eine weitere, die sich um die Klärung des Missverständnisses bemühte. Alle ruhig bleiben! Rief sie. Hier habe ich eine Tüte, da werfen jetzt alle ihren Nikolaus wieder herein, okay? Keine Panik! Sofort stürmte die ganze Station auf sie zu und warf den Nikolaus angewidert wie ein faules Ei in die Tüte. Erleichterung machte sich breit.

Der Nikolaus kam mit einem anderen Sack nach oben gehechtet. Ho-Ho-Ho… rief er, wobei er sich bemühte nicht wirklich zu rufen, da er wahrscheinlich fürchtete damit einen weiteren Eklat auszulösen. Wer will Äpfel? Er verteilte etwas zögernd die Äpfel an uns, blickte noch einmal verwirrt zur Schwester, die ihm nickend bestätigte, dass die Situation auf äußerst galante Art und Weise gerettet worden war. Dann noch frohe Weihnachten! rief der Nikolaus, blickte in glückliche Gesichter und verschwand im Treppenhaus.

 

Die Schnellsten werden die Ersten sein (die fertig sind)

Hinter mir wippt eine ca. 40-jährige Frau mit lila Schal und schwarzem Wintermantel aufgeregt auf und ab und hält ihre Fingerspitzen mit Trommeln und Dribbeln auf Trab.

Und vor mir drapiert ein ca. 80-jähriger Mann demonstrativ ein Kassenband, das seine drei Tomaten, seine Hirschsalami und seinen Orangensaft sichtbar von meinem Joghurt und meinem Kaugummi trennen soll.

Auch er dribbelt und trappelt mit seinen alten Fingern im Viervierteltakt auf die Kassenverkleidung und kann es kaum abwarten endlich an der Kasse vorbeizugehen. Okay, er ist wirklich sehr, sehr alt. Aber ich bin mir doch relativ sicher, dass er die 2 Minuten und 20 Sekunden, die er noch warten muss, höchstwahrscheinlich überleben wird. Kein Grund zur Eile also. Oder doch?

Die Kassiererin zieht mit einem Zack die Paybackkundenkarte der ziemlich zornig aussehenden Frau in Lederstiefeln durch das Paybackkundenkartenerkennungsding und händigt ihr sechs Tiersticker und den Kassenzettel aus. Die Frau lässt beides zurück und zieht von dannen, hatte zum Einpacken zu wenig Zeit und zieht im Stechschritt ihre Handschuhe an – sie scheint es sehr, sehr eilig zu haben.

Ich bin auch gleich an der Reihe und laufe mich innerlich schon warm. Nach außen bin ich cool. Dieses Mal schaffe ich es, schneller als die Kassiererin zu sein. Mein Geldbeutel steckt wie eine Waffe fest in meiner linken Hand, die Rechte hält den Stoffbeutel schon einen Spaltbreit offen. Ich bin gewappnet und auf alle Eventualitäten vorbereitet. Ich bin im Wettkampfmodus.

„Piep“ macht der Warenscanner und leuchtet dabei rot. Das ist das Signal zum Start. Mit hastigen Händen hebe ich Joghurt und Kaugummi übers Gelände und bevor die Kassiererin noch „Zweieurounddreiundfünzigcent“ hinterhergeworfen hat, habe ich die Ziellinie bereits gepasst.

Jetzt, da ich mir gerade drei Sekunden kostbare Lebenszeit erwirtschaftet habe, stelle ich mir die Frage, wie ich die wohl am sinnvollsten nutzen kann.

Obwohl, stand nicht neulich irgendwo, dass Stress die Lebenszeit verkürzt? Genau wie dieses Blutdruckproblem wenn man das Essen überwürzt? Dass, wenn man sich zu sehr in Aufgaben stürzt, auch die eigene Lebenszeit, wie bei Krankheit und in aller Regelmäßigkeit, sich mit erhöhter Geschwindigkeit und höchster Dringlichkeit dem Ende zu neigt?

Dass Stress die Volkskrankheit Nummer eins ist, wenn man es in Zahlen misst. Dass sich Kopfzerbrechen letztendlich durch Synapsen frisst? Dass ein gestresster Körper nicht so schnell vergisst und Kräfteressourcen zum Frühstück isst?

Dummerweise sind durch das Denken dieses Gedankens die eben gewonnen drei gewonnen Sekunden draufgegangen.

Und ich denke mir, jetzt ist es auch egal und gehe zurück zum Kassenband, an dem ich vor einer Minute noch stand, und ich frage ob ich die Tiersticker doch noch haben kann? Und von hinten schreit einer: Ich bin zuerst dran! Also warte ich, zwei Minuten lang und schaue mir den Supermarkt mal in Ruhe an.

Und mir fällt auf, dass die Einkaufswagen blaue Griffe tragen und dass blau unter all den existierenden Farben, die ist die ich am liebsten habe. Und dass erstaunlich viele Dinge in diesem Supermarkt blau sind und dass blaue Himmel an lauen Sommertagen die schönsten sind und dass in drei Wochen ein neues Jahr beginnt und die Zeit wie Sand in Gläsern zerrinnt.

Der Mann ist fertig und ich frage erneut nach den Tierstickern. Ich bekomme vier und ich öffne sie noch direkt hier. Und, was soll ich sagen, heute muss wohl mein Glückstag sein? Denn neben Eule, Nashorn und Schwein, ist auch eine rote Katze dabei.

Ich gehe nach Hause und klebe sie über meinen Kalender, genau über das Wort Dezember. Und plötzlich sind keine Zeitabschnitte mehr da, sondern nur noch die Katze und ich und ein Jahr.

 

 

 

 

 

 

Spoken Word: Nur ein Bisschen

ABC, 3D, BCM, FDH, 1-2-3, Doppel W, Doppel D

Ich habe sie alle ausprobiert, studiert…und dann wieder ausgekotzt.

Heute habe ich Müsli gekauft. 378 Kalorien auf einhundert Gramm standen hinten auf der Packung drauf. Ich nahm mir eine Schüssel und schüttete ein bisschen hinein. Nur ein bisschen. Dann habe ich alles hineingeschüttet und noch eine Schüssel  genommen. Und dann habe ich mir die Rosinen rausgepickt. Jede einzeln. Und dann habe ich noch eine Schüssel genommen und da habe ich die Haselnüsse reingeschmissen. Und dann habe ich die Haferflocken gezählt, jede sorgfältig ausgewählt, mir dabei Geschichten erzählt…

Geschichten von irgendwann einmal, später, in zwei Jahren oder so..

Wenn ich dünn bin, schlank bin, schön und makellos. Dann habe ich das Müsli weggeschmissen und grünen Tee getrunken.

Kate Moss hat mal gesagt: Nothing tastes as good as skinny feels. Aber keine Ahnung ob das stimmt…denn dafür müsste ich dünn sein und das bin ich nicht. Ich fühl mich eher wie ein Loch, dass alles aufsaugt, wie eine halb gefüllte Badewanne, eine leere Kaffeekanne. Eine Schnecke ohne Haus, wie ne Katze ohne Maus. Wie ein Brunnen der austrocknet wenn man ihn nicht ständig wässert. Aber ich bin mir sicher, es wird besser.

Ich muss mich nur ein bisschen mehr zusammenreisen, ein bisschen mehr die Zähne zusammenbeißen, weniger Eiscreme und mehr Disziplin beweisen.

Wenn ich morgens auf der Waage stehe, die Zahlen wie eine Slot-Maschine vor mir herunterfallen sehe…dann hoffe ich, dass ich heute endlich mal Glück haben werde.  Ja, ich weiß, dass Glücksspiel süchtig machen kann, aber ich habe alles im Griff. Ich halte die Hebel in der Hand und ich bringe sie wieder zum Stillstand – aber erst dann wenn ich dünn bin.

BMI, das steht für Body-Mass-Index, oder auch Körpermassindex. Eine Skala, ein Richtwert, eine Einheit um das Ausmaß meiner Maßlosigkeit zu bemessen – auf die Kilokalorie genau. Eigentlich war ich nie gut in Mathe und eigentlich haben Zahlen mich nie wirklich interessiert. Aber seit ich weiß, wie viele Kalorien in einer Packung Gummibärchen stecken (686), seitdem bin ich von Zahlen fasziniert. Bin fasziniert davon, wie schnell sich Pizza auf Hüften addiert, wie es sich anfühlt, wenn ein Schenkel den anderen nicht mehr tangiert, wenn sich mein Bauchumfang wie von selbst reduziert und sich selbst neu inszeniert. Wie es ist, wenn nicht der Bauch sondern das Hirn regiert.

Seitdem bemesse und berechne ich alles nur noch in Zahlen. Selbstzweifel, Ängste, Sorgen und Qualen. Glück empfinde ich prozentual, Freude im Allgemeinen ist mir mittlerweile viel zu banal. Ich brauche Fakten und Ziffern und keine Gefühle. Nicht umsonst heißt es SelbstWERT.

Heute Morgen habe ich beschlossen die Uni sausen zu lassen und mich stattdessen mit wichtigeren Dingen zu befassen.  Ein bisschen mit Schokolade, ein bisschen mit Honig-Senf Marinade, ein bisschen mit selbstgekochter Marmelade, ein bisschen auch mit Brote schmieren, mit  Ei porchieren, mit Reiskörner zählen, mit Äpfel schälen, mit Hackfleisch hacken, mit Kuchen backen…verdammt, scheiß auf Reime. Ich will Torten essen und literweise Cola trinken und Beutel voll Bonbons schlucken, einfach so, ohne Kauen – ich will Banane mit Nutella essen, will Burger runterschlingen, mir eine Packung Chips reinhauen, ein ganzes Laib Käse essen, am Stück. Ich will eine Familienpizza für mich alleine, mit Salami und Schinken und Extrakäse. Ich will vor der Bäckertheke stehen und alles kaufen, das mit Zuckerguss bestrichen ist. Ich will zentimeterdicke Scheiben Butter auf meine Brezel legen, will meine Nudeln in Öl und Pesto wälzen, will Speckwürfel snacken, Sahne löffeln, ich will nicht essen ich will fressen. Ich will alles, nicht nur ein Bisschen.

Der letzte Biss hat nicht mehr so gut geschmeckt. Während ich das Eine geschluckt habe, kam das Andere schon wieder hoch. Wie heiße Lava brannte sich die Magensäure durch meine Speiseröhre und tropfte vorbei an meinem Finger in die Kloschüssel. Ich fühle mich schuldig und wertlos und dreckig und plötzlich begreife ich was der Begriff Diät-Sünde meint.  Ich wasche mir die vollgekotzten Finger rein aber mein Gewissen bleibt trotzdem schmutzig.

Wenn ich in den Spiegel schaue sehe ich überall Problemzonen. Über nur Bauch-Beine-Po wäre ich mehr als froh. Bei mir aber sind es zu breite Hüften, zu kurze Beine, zu dicke Knie, zu füllige Waden, ein gedrungener Hals, eine krumme Nase, eine hängende Brust, zu große Zähne, zu kleine Daumen und vor allem ein viel zu gieriger Gaumen.

Nur ein bisschen, sage ich mir, nur zwei Mahlzeiten und nicht vier. Nur ein bisschen weniger sitzen, dafür ein bisschen häufiger schwitzen. Ein bisschen weniger, das schaffst auch du, lass einfach ein bisschen öfter deinen Gierschlund zu.

Heute habe ich meine erste eigene Diät erfunden. FDH-FDH. Wenn man von der Hälfte nur noch die Hälfte isst, dann purzeln die Pfunde wie von selbst. Wenn man blaue Teller nimmt, dann sieht das Essen viel größer aus und man hat viel weniger Hunger und wenn man alles in winzig kleine Stücke schneidet dann auch. Wenn man vor dem Essen ein Glas Essig trinkt, dann wird einem so schlecht, dass man kaum etwas herunterbekommt. Ach ja und wenn man nackt vor dem Spiegel isst, schmeckt alles nur noch halb so gut.

Wenn man die eine Hälfte halbiert, dazu noch minus zwei addiert und sich dabei immer mehr selbst minimiert, die Freude den Spaß und das Leben verliert, den ganzen Tag über nur friert und den Hass und die Wut auf sich selbst zelebriert….dann purzeln die Pfunde wie von selbst.

Auf der Waage stehend denke ich mir, nur noch ein bisschen mehr, statt vorne fünf lieber vier. Und diese eine Falte hier, die muss weg, am besten heute noch.

Kann es Zufall sein dass sich Magensäure auch durch Knochen frisst? Dass man Leistungen in Kalorien bemisst? Dass das Wort Bisschen sowohl Adverb als auch Nomen ist?

Heute habe ich eine Schüssel Suppe in der Mikrowelle aufgewärmt. Acht Mal. Jedes Mal wenn ich es geschafft habe einen Schluck zu nehmen, war die Suppe schon wieder kalt. Eigentlich wollte ich heute auch ins Kino gehen. Ich war aber so müde und meine Beine waren so schwer, dass ich einfach liegen geblieben bin. Eigentlich wollte ich mir dann eine DVD anschauen, wenn ich schon nicht ins Kino gehe, aber die Fernbedienung lag so weit außen und meine Hände waren so schwer, dass ich einfach aus dem Fenster geschaut habe. Während ich aus dem Fenster geschaut habe, überlegte ich kurz, ganz kurz, ob ich aufstehen soll. Aber das wäre die Mühe wohl nicht wert gewesen.

Wenn weniger mehr ist, dann brauch ich noch ein bisschen mehr.  Ein bisschen weniger wiegt ja auch nicht schwerer. Ein bisschen mehr leer und weniger schwer – das ist es was ich brauche: nicht weniger und nicht mehr.

Kate Moss hat mal gesagt: Nothing tastes as good as skinny feels. Aber keine Ahnung ob das stimmt, denn dafür müsste ich noch etwas fühlen und das tue ich nicht.

 

 

Not Every Suicide Note Looks Like A Suicide Note

 

Früher war ich besessen von Dokus, Filmen, Filmchen, ja einfach allem das auch nur im Entferntesten etwas mit Essstörungen zu tun hatte. Stundenlang habe das Internet durchscrollt, auf der Suche nach irgendeinem Bericht den ich nicht schon irgendwann einmal gesehen hatte. Vom „No Anorexia-Poster“ auf dem mir Isabelle Caro entgegenblickte habe ich mich nicht abgeschreckt sondern getriggert gefühlt – sie hatte schließlich ein eigenes Plakat. Gegessen habe ich immer sehr langsam, aber jeden Artikel, jede Reportage habe ich sekundenschnell verschlungen. Lauren Greenflieds „Thin“ habe ich nicht als Doku sondern als Spielfilm verstanden. Habe mitgefiebert wenn Wiegetag war, habe geweint gelacht und mich vor der Pizza geekelt.

Vielleicht war ich auf der Suche nach irgendetwas, das ich noch nicht kannte. Irgendetwas, das ich noch nicht wusste, das ich noch nie gelesen hatte. Vielleicht wollte ich auf neue Informationen stossen. Vielleicht gab es da draußen noch irgendein Diät-Geheimnis das ich nicht kannte.

Es hatte immer einen ganz besonderen Reiz meine Welt von außen und in HD zu betrachten, meine Gedanken aus dem Mund einer anderen zu hören. Meine Idole waren keine Popstars oder Schauspielerinnen. Ich hatte keine Poster von Britney Spears an meiner Zimmerwand hängen und habe nicht den Style der Frauen aus der Vogue kopiert. Meine Idole trugen Nasensonde, Krankenhauskittel und Kleidergröße 32.

Irgendwann stieß ich auf eine Anti-Anorexie Kampagne aus Kanada. The Looking Glass Foundation hatte eine kleine Serie im Werbespot-Format auf Youtube hochgeladen. Der Titel der Kampagne lautete: Not every suicide note looks like a suicide note. Sinngemäß also so etwas wie „nicht jeder Abschiedsbrief sieht aus wie ein Brief.“ Diese Spots stimmen mich bis heute sehr nachdenklich. Gelegentlich schaue ich sie immer noch an und grusele mich sogar ein bisschen. Ganz ohne Worte, ohne Text, ohne Schockfotos und ohne viel Dramatik ist jeder dieser Spots so eindrucksvoll, dass ich eine Gänsehaut davon bekomme. Die Bilder sind kühl, nüchtern, leise. Es passiert nicht viel, manchmal merkt man kaum dass sich das Bild verändert. Die Musik ist leise, fast schon lautlos. Die Figuren sind keine Protagonisten, sondern fügen sich einfach so in das Geschehen ein. Fast schon unmerklich gehen sie einfach ihrem Alltag nach, lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, lassen sich nicht anmerken dass sie beobachtet werden. Vielleicht merken sie es sogar wirklich nicht.

Ich habe sie mir immer und wieder angeschaut. Habe versucht herauszufinden warum ich von diesen Spots, die meist nicht einmal eine Minute dauern, so fasziniert und gleichzeitig beklommen bin.

Dann wurde mir klar was es war. Jeder dieser Spots ist wie die Krankheit selbst. Der Einstieg erfolgt irgendwo, fast schon willkürlich. Man sieht nicht was davor passiert. Man steigt einfach ein. Irgendeine beliebe Szenerie, ein ganz normales Zimmer. Es könnte überall sein, das Zimmer hat absolut nichts Charakteristisches, wirkt fast schon zu alltäglich. Fast käme man auf die Idee das alles hier sei langweilig. Und doch passiert etwas. Ein junges Mädchen zeichnet Striche – nicht auf Papier, sondern an die Wand. Alles ist leiste, keine Hintergrundgeräusche. Nur das Zeichnen des Strichs kratzt leise an der Tapete. Die Striche sind merkwürdig kurz und gebogen. Ein kleiner Abstand ist zwischen Ihnen. Das Mädchen beschriftet: June. Dann tritt sie zurück, schaut kurz auf die Wand und lehnt sich schließlich dagegen. Not every suicide note looks like a suicide note wird eingeblendet. Dann wird das Bild dunkel. Was danach passiert weiß man nicht. Man muss es auch gar nicht wissen. Alles was wichtig ist wurde bereits gesagt – wortlos.

Irgendwo, irgendwann schleicht sich die Krankheit ein. In irgendein beliebiges Kinderzimmer. Sie kommt nicht mit Vorgeschichte, kommt ohne Ankündigung, macht keinen Lärm. Alles Drumherum erscheint normal. Kein Geschrei, kein Weinen. Die Krankheit kommt leise, kommt fast schon unter der Türe hindurchgeschlichen. Die Striche wirken merkwürdig. Irgendwas geht hier vor sich, soviel weiss man da schon. Doch was es ist sieht man erst nachdem man die weiteren Striche erkennt. Als der letzte Strich datiert wird ist es bereits zu spät- Wenn man die Krankheit erkennt ist es bereits zu spät. Alles Merkwürdige davor ist einfach nur merkwürdig. Das Mädchen spricht nicht, sie zeichnet. Zeichnet Körperumrisse, zeichnet ihren Taillenumfang. Lässt sich immer kleiner werden und dokumentiert ihre Fortschritte. Sie verschwindet nicht unsichtbar sondern hinterlässt Notizen. Aber es sind Notizen, die durch Vorziehen des Vorhangs verhüllt und übersehen werden können. Und wer würde schon in diesem ordinären Zimmer auf die Idee kommen hinter dem Vorhang einen Abschiedsbrief zu finden? Und spätestens hier wird klar: Jeder dieser Striche ist die Zeile eines Abschiedsbriefes. Jede gesparte Kalorie ist ein Schritt in Richtung Tod. Jede Kleidergröße weniger ist ein bisschen näher am Skelett. Mit jedem abgegeben Kilogramm gibt man auch ein bisschen Leben ab. Ein Hilfeschrei muss nicht laut sein. Man kann auch in der Wüste erfrieren. Die Krankheit ist ein Meister des Versteckspiels. Sie versteckt sich hinter Vorhängen, hinter Kleidern, hintern übergroßen Pullis und hinter verschlossenen Badezimmertüren. Nur weil man sie nicht sehen kann, heisst das nicht dass sie nicht da ist. Wenn man die Notiz suchen würde, dann würde man sie auch finden. Man müsste doch einfach nur den Vorhang zurückziehen. Das Mädchen hat keine Worte und lässt stattdessen ihren Körper sprechen. Was der Mund nicht über die Lippen bringt, trägt die schrumpfende Taille schließlich nach außen. Der Mund bleibt aber zu. Und weil nichts hinein kommt, kommen auch keine Worte heraus.

Am Ende bleibt trotzdem nur eine Nachricht: Ein Abschiedsbrief muss nicht immer auch ein Brief sein.

 

 

 

 

 

In Luft aufgelöst

Archivierte Gedanken vom 22.03.2013

Ein Atemzug reicht aus um meinen Bauch einzuziehen. Viel einzuziehen gibt es nicht. Wenn ich einatme dann zieht sich die Bauchdecke ein wenig zusammen. Wenn ich ausatme scheint sie einfach dort zu bleiben.

Manchmal ziehe ich den Mund zusammen, so als wäre ich ein Fisch. Dabei merke ich, wie sich mein Magen nach innen stülpt. Gleichzeitig ziehe ich ein wenig die Schultern hoch. Mein Hals spannt und meine Schlüsselbeine drücken sich nach außen, gegen die Haut, als wollten sie hindurchdringen. Wie die Milchzähne die von den festen Zähnen einfach weggestoßen werden. Meine Schulterblätter begegnen sich und drücken gegen die Haut am Rücken. Wie Flügel zeichnen sie sich sichtbar ab. Meine Rippen drücken sich hervor, wie eine Raupe gefangen im Kokon, die bereit ist als Schmetterling hinauszufliegen. Alles drückt und zieht. Alles will weg. Meine Organe, meine Knochen, sogar meine Venen. Alle scheinen sie vor diesem Körper flüchten zu wollen. Als würden Sie ahnen, dass er nicht mehr lange als Nährboden dienen kann. Die Erde vertrocknet und die Blumen sind längst verwelkt. Es hat schon lange nicht mehr geregnet.

Dann lasse ich los. Lasse die Schultern sacken, nehme den Druck aus den Schlüsselbeinen, lasse die Rippen locker und atme aus.

Luft geht herein und Luft geht heraus. Luft kann mich flach machen, kann mich aufblähen, kann mich fliegen lassen, kann mich platzen lassen. Kalte Luft kann meine Haut lila färben, meine Finger erstarren lassen. Heiße Luft kann meine Haare wie Fäden wirbeln, kann meine Venen anschwellen lassen, kann den Schmerz betäuben.

Wenn Luft Kalorien hätte, würde ich aufhören zu atmen? Oder würde ich einfach die ganze Zeit hecheln? Wäre es nicht eigentlich egal, da sie sowieso wieder ausgeatmet wird?

Könnte auch ich meinen Aggregatzustand verändern? Mich in Luft auflösen? Einfach dahinwehen, schmelzen oder mich als winzige Staubkörner auf Möbel legen und dort für immer schlafen, bis ich irgendwann weggewischt werde?

 

 

Musiktipp: Hinfalln Aufstehn Weitertanzen von Maxine Kazis

Liebe Alle,

heute möchte ich euch gerne ein – wie ich finde- äußerst gelungenes Video und Lied von Maxine Kazis ans Herz legen. Sie litt selbst an einer Essstörung und verarbeitet diese nun uA in ihrem seit heute veröffentlichten Song  „Hinfalln Aufstehn Weitertanzen“.

Mit diesem musikalischen Tipp wünsche ich euch nun ein schönes Wochenende!

 

Abbauprodukt

Manchmal habe ich Angst, das Studium frisst mich auf. Die ganze Universität frisst mich auf, verschluckt mich. Und dabei bin ich wie eine gesättigte Fettsäure – Ich flutsche einfach so hindurch und werde zum Hüftpolster.

Vielleicht ist das ganze hier auch Jammern auf hohem Niveau. Schließlich habe ich das Privileg überhaupt studieren zu dürfen – und das sogar gebührenfrei. Vielleicht, wäre ich vor gut 150 Jahren geboren worden und hätte ich als Frau wirklich für meine Bildung kämpfen müssen, ja vielleicht wäre dieser Gedankengang dann angebracht.

Aber ich lebe im 21. Jahrhundert, in einem Land das so etwas wie ein Prostitutionsgesetz kennt, in dem Alice Schwarzer eine eigene Talkshow bekommt, in einem Land das ein Recht auf Bildung für jedermann und in diesem Kontext auch Frau als Menschenrecht führt.

Das ist sowas wie mein präventives schlechtes Gewissen für alles was folgt. Ich kann nichts dagegen tun, dass mich die Angst an meinen vollgekritzelten Holzstuhl fesselt.  Was wenn ich einfach durch ihn hindurchrutschen würde? Würde auch nur irgendjemand überhaupt Notiz davon nehmen? Vermutlich erst dann, nachdem ich die Regelstudienzeit überschritten habe und von Amts wegen exmatrikuliert wurde.

Ich bin Teil einer Generation, die darauf spezialisiert ist ihre ganze Existenz auf 140 Zeichen zu reduzieren. Ich bin unglaublich gut darin mich und alles was ich bin bis auf die Knochen abzunagen und zu entblößen. Ich bin ein Profi darin, alles überschüssige Fleisch und was da sonst noch so ist einfach abzureißen und direkt zum Kern zu kommen. Wenn meine Brüste nicht gleichgroß sind, dann radiere ich sie einfach weg. Ich bin ein Ökonom.

Versteht mich nicht falsch. Ich liebe Zahlen. Ich liebe die Akkuratesse, das Messbare und die Fähigkeit alles Immaterielle greifbar zu machen.  Aber ich habe das Gefühl es passiert genau das Gegenteil. Erst werde ich nummeriert und dann pauschalisiert. Ich bekomme ein Etikett das in eine Kategorie gesteckt wird. Und diese Kategorie wiederum steckt in einer großen Kartei fest. Und um mich zu finden reichen plötzlich nur noch meine Initialen aus. Und dann bin ich ein Produkt. Eine Kombination aus einer 7-stelligen Matrikelnummer und meinem Namen.

Bin ich also wirklich im Unrecht, wenn ich mich weigere einzusehen, dass meine interpersonellen Stärken und mein persönlicher Werdegang nicht genug Platz auf einer DINA4 Seite haben? Wie um alles in der Welt soll ich mich denn bitte entfalten lernen, wenn ich von allen Seiten eingedrückt werde? Das geht bestenfalls mit Backpapier.

Vielleicht war ich irgendwann einmal ein Schokocroissant. Ich war ein Blätterteiggebäck mit gutem und bösem Fett, mit Schokoladenfüllung und mit ziemlich viel Zucker. Aber ich war ein Ganzes. Ich hatte einen Wiederkennenungswert, eine Identität. Neben Donuts und Hefeschnecken erkannte man mich als Schokocroissant. Irgendwann dann kam die hungrige Universität und brach die knusprige Teigschale. Arbeitete sich zum Schokoladenkern vor – der Grund wieso man das Ding ja eigentlich isst. Und meine ganzen Einzelteile begannen sich schon auf dem Weg in den Verdauungstrakt zu spalten. Ich wurde zu ungesättigten und gesättigten Fettsäuren, zu Transfetten zu Cholesterin und zu Glukose. Ich wurde ausgepresst und gemolken. Im Magen traf ich zerkautes Brot und püriertes Obst. Ehe wir uns versahen schwappte eine Magensäurewelle über uns und wir wurden zu einem Einheitsbrei. Auf dem Weg durch den Dünndarm blieb der ein oder andere zurück. Im Enddarm angekommen hatten wir bereits selbst vergessen als wer oder was wir einst hinein gekommen waren. Und dann werde ich zum Hüftpolster. Ein neues Produkt.

Und dann werde ich vor die Herausforderung gestellt die Welt da draußen davon zu überzeugen, dass ich ein ganz einzigartiges Hüftpolster bin. Dass ich nicht wie die anderen Fettpölsterchen bin. Dass ich die Speiseröhre hinabgetänzelt bin und daraufhin die Tomaten abgehängt habe. Dass die Bösen ja eigentlich auch die Kohlenhydrate sind. Nicht umsonst nennt man mich auch „Hüftgold“. Und ja, dabei ist es ganz einfach zu vergessen, dass ich eigentlich ein Schokocroissant bin.

Wieso ist es also nicht verwunderlich, nein fast schon abwegig, zu glauben dass ein winziger „Über-Mich-Kasten“ eine ganze Person in sich aufnehmen kann? Welcher Rahmen würde es sich anmaßen ein Foto abzuschneiden? Und ist es Zufall dass sowohl die Wörter Kasten als auch Rahmen beide maskulin sind?

Habe ich nicht genug Zertifikate um mich als Person zu verifizieren? Wenn ich den Hörsaal verlasse und den Collegeblock wegpacke – bin ich dann in einer identitäslosen Sphäre? Wenn ich den vollgekritzelten Holzstuhl hochklappe und vorne der Beamer abgeschaltet wird – habe ich überhaupt noch eine Funktion? Ist das Wort Selbstwert nur ein Synonym für Bewertung?

Ich will kein Hüftpolster sein. Ich will nicht verheimlichen müssen, dass ich ein fettiges, zuckeriges Schokoladencroissant bin und dass ich eure Arterien verfetten könnte. Ich will dem Biogemüse auf Augenhöhe begegnen dürfen. Ich will mindestens 3 DINA4 Seiten. Ich will Comic Sans MS verwenden dürfen. Ich will Vorträge im Schlabberpulli halten.

Ich will für das anerkannt werden was ich bin und nicht für das was ich vorgebe zu sein.