14.02.2019

Noch nie kamen mir 8 Stunden so lang vor. 8 Stunden des Wartens, des Trauerns, ein Wechselbad der Gefühle zwischen Akzeptanz, Verzweiflung, Angst und Erleichterung. „Sollen wir ihn erlösen?“ fragte die Tierärztin am 14.02.2019 gegen 10 Uhr am Vormittag. Ich schaue dich an und möchte dich fragen: Sollen wir dich erlösen? Aber du kauerst schon wieder in deiner Box und zitterst. Das Thermometer zeigte Untertemperatur an, ein Zeichen dass die Organe versagen. Das habe ich erst Tage danach im Internet gelesen. Am 14.02.2019 dachte ich, alles wird wieder gut, indem ich dich in deine rote Kuscheldecke einwickele und ganz ganz lange streichle, bis dir wieder warm ist. Kein Mittelchen funktionierte mehr, auch die Infusionen tröpfelten langsam in die hinein, aber zeigten keine Wirkung. Genau wie meine Tränen durch mich, flossen die Infusionen in Strömen durch dich hindurch und es wurde nicht besser, sondern immer schlimmer. Sollen wir dich erlösen, frage ich dich leise und du kauerst immer noch. Dann blinzelst du kurz, als wolltest du sagen „es ist okay“. „Komm, wir gehen heim“, sage ich. „Der Tierarzt kommt gegen 18 Uhr“, sagt die Sprechstundenhilfe. Deine vollgepinkelte Decke in der Plastiktüte sollen wir nicht vergessen, sagt sie, und gibt sie uns noch mit. Dann fahren wir noch ein letztes Mal gemeinsam U-Bahn – ich komme mir vor wie ein Henker.

Schinken und Rindertartar möchtest du nicht – du bist schwach und ganz wackelig auf deinen krummen Beinchen und bist schon halb nicht mehr hier, sondern irgendwo anders. Die Sonne schien nach Tagen des Regens, als wüsste der Himmel schon Bescheid. Das Mittel gegen deine Übelkeit schenkte dir noch ein paar Sonnenstunden auf dem Balkon, gegen Mittag konntest du nur noch neben mir im Bett liegen und angestrengt atmen. Die Stunden vergingen wie in Zeitlupe, der Sekundenzeiger bewegte sich erst nach gefühlten Stunden langsam weiter. Ich wollte, dass es endlich vorbei ist und gleichzeitig wollte ich, dass es nie vorbei sein wird. Aber dich so zu sehen hat mir das Herz gebrochen. Das Herz, das du im Sturm erobert hast.

Ich weiß noch, wie wir dich das erste Mal gesehen haben. Krümel stand an der Tür zu deinem Zimmer. Du lagst unter einem Stuhl, über den eine Decke geworfen war, nur dein rotes Schwänzchen schaute heraus. Ein tiefes, raues Miauen erfüllte den winzigen Raum und dann zeigtest du dich. Dein struppiges, rotes Fell, deine alten Augen und dein zerfleddertes Öhrchen – du warst alles, nur kein Krümel. 15 intensiv gelebte Katerjahre blickten uns entgegen. Der Pfleger sagte, du hättest noch 12 Monate zu leben, vielleicht auch nur 6. Außerdem wärst du ein Springer, daher bräuchtest du unbedingt einen hohen Kratzbaum, vielleicht auch zwei. Und Trockenfutter – das liebtest du. Alles war falsch. Du warst fast 3 Jahre bei uns, hast deinen Kratzbaum genau 4 Mal benutzt und hattest keinen einzigen Zahn  mehr – das Trockenfutter war deine größte Herausforderung.

Wenn ich nach Hause kam, hast du mich lautstark gegrüßt. Ich weiß, die meisten können das nicht verstehen, aber wir haben richtige Gespräche geführt – und ja, du hast mich verstanden, da bin ich mir ganz sicher. Du hast miaut, ich habe miaut, du hast dein Köpfchen an mir gerieben und wir beide waren selig. Es waren kleine Gesten mit großer Wirkung. Wir 2 waren das beste Team was die Welt je gesehen hat. Im Internet habe ich Katzen gesehen, die an der Leine spazieren gehen, wie ein Hund. Das probieren wir auch, dachte ich mir und besorgte dir dein blaues Geschirr. Du hast es gehasst und versucht es abzuschütteln. Wir konnten dich nicht von dem Park vor der Haustüre überzeugen. Irgendwann dann haben wir es nochmal probiert. Und du bist einfach nur noch gelaufen. Stundenlang. Wir sind kilometerweit umhergestromert, nachts um halb 2, ohne Jacke. Du warst wie ein junges Kätzchen, agil, neugierig und unfassbar ausdauernd. Von deinem kaputten Herzen keine Spur.

Und dann lagst du da, mager, kalt und müde mit großen Augen und schwächer werdendem Puls. Selbst das Trinken war die zu anstrengend. Wir beide lagen da uns haben uns einfach nur angeschaut, ausnahmsweise brauchten wir keine Worte. Es gab nichts mehr zu sagen, nichts was etwas an der Situation geändert hätte. Es war soweit, ich wusste es und du wusstest es auch.

18 Uhr und kein Tierarzt. 18:15 immer noch nicht. Gegen 19 Uhr ein schrilles Läuten. Du hast nicht einmal gezuckt. Binnen Sekunden wurde dein Köpfchen ganz schwer, es sank in meine Hand und dann warst du schon weg. Es blieb ein  kleiner Spalt in deinem Pfötchen, durch den deine Seele hindurchgleiten konnte, damit du, wenn es jetzt wieder Frühling wird, noch immer mit uns die Sonne genießen kannst.

Für einen Moment stand die Zeit still. Dann ging sie plötzlich weiter, brutal, erbarmungslos und ohne Vorwarnung. Dein Herz schlug nicht mehr uns meins war so schwer wie eine Felswand. Ich weiß noch, wie ich mich erst einige Wochen zuvor darüber beschwert hatte, dass unsere Wohnung so vollgestellt wirkt und dass wir dringend Platz schaffen müssen. Doch plötzlich bin ich erstaunt darüber, wie viel Platz in dieser Wohnung steckt.  Weit und ausladend wie das Meer und ich ersticke im Unmaß. Als ich an diesem Morgen aufgewacht bin fühlten sich die weißen Bettlaken wie eine schwere, kalte, riesige Schneedecke an, die mich herunterdrückt. So viel Luft, so wenig Atem.  Ich konnte kaum noch das Raumende sehen. Das Schlafzimmer war wie ein dunkler Tunnel, an dessen Ende kein Licht oder überhaupt irgendwas ist. Nur ich und diese lächerlich große Weite.

Deine vollgepinkelte Decke in der Tüte lag noch immer neben Couch – ich konnte es nicht übers Herz bringen sie zu waschen, war es doch das letzte, was noch von dir übrig war. Ich will nicht, dass es vorbei ist aber ich kann nichts daran ändern, dass es vorbei ist. Ich bin machtlos und hilflos und alleine und ich will die Zeit zurückdrehen können. Vielleicht ist es tröstlich, dass – könnte ich die Zeit zurückdrehen-  ich unseren letzten Tag exakt genauso wieder verbringen würde. Ich würde dich fragen: Sollen wir dich erlösen? Und du würdest blinzeln und mir sagen es ist okay. Du würdest blinzeln und mir sagen, dass du ein langes, erfülltes Katzenleben geführt hast und dass du müde bist. Dass du die Leine anfangs bescheuert fandst, dich aber irgendwann wie der King der Nachbarschaft gefühlt hast. Dass deine Augen ganz schwer werden und dass dir kalt ist. Dass du gerne bei uns im Bett geschlafen hast und uns gerne den Platz weggenommen hast. Dass du so lange miaut hast, bis du Rindertartar und Hühnchenbrust anstatt Katzenfutter bekommen hast. Dass du nicht weit weg gehen wirst, nur ein bisschen höher. Dass du die Katze gegenüber gerne angefaucht hast und dass du trotz deiner Zahnlosigkeit immer noch ziemlich gefährlich warst. Dass es okay ist, dass alles okay ist. Und dann würde ich blinzeln und sagen: Gute Nacht Kurt. Du warst mein Freund, mein Partner, mein Seelenkater. Danke für die schöne Zeit mit dir. Danke, für deine Schnurrkonzerte. Danke, dass du mich so akzeptiert hast wie ich bin. Danke dass du immer da warst. Danke, dass du mein Freund warst.

 

 

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Kliniksehnsucht

Eine Klinik ist kein schöner Ort. Krankenhäuser sind keine „Genesungsoase“, sondern Massenbetrieb in steril weiß, mit Pflegenotstand und Akkordarbeit. Niemand ist gerne im Krankenhaus, niemand tauscht gerne die eigenen sicheren vier Wände, gegen ein 100×200 cm elektrisch verstellbares Kunststoffbett ein. Nein, eigentlich auch ich nicht. Aber manchmal habe ich so etwas wie Kliniksehnsucht. Sehnsucht nach dem scharfen Geruch von Desinfektionsmittel, nach den großen Eingangshallen, den weißen, sterilen Wänden und den langen, schmalen Gängen. Sehnsucht nach den Spaziergängen auf der Kinderstation, mit den bunten Bildern und dem beruhigenden Aquarium. Nach den Bänken im Außenbereich, auf denen Patienten mitsamt Tropf und Schläuchen sitzen und die Sonne genießen.

Es ist mir regelrecht peinlich. Wie kann man sich an einen Ort zurückwünschen, an dem auf einen positiven Moment am Tag 10 traurige Ereignisse kommen, an dem Sterben alltäglich ist, an dem auf eine Pflegefachkraft rund 12 Patienten kommen. Ein Ort, an den Menschen gehen, weil sie gesund werden wollen, so schnell wie möglich. Ein Ort, der nicht dazu gedacht ist, schön zu sein. Ich schäme mich dafür, dass ich mich von Zeit zu Zeit, mal mehr mal weniger – vor allem mehr in letzter Zeit – an diesen Ort zurückwünsche.

Neben Krankheit und Leid bedeutet Klinik für mich auch Struktur und Beständigkeit. Alles hat seinen geregelten Ablauf, alles hat sein System. Jeden dritten Montag gibt es Milchreis, jeden dritten Donnerstag Apfelstrudel. Ich bin ein großer Fan von Süßspeisen. Jeden Dienstag und Donnerstag ist Visite. Jeden Tag um 7 kommt die Schwester zum Blutdruckmessen. Während außerhalb des Krankenhauses die Welt im Chaos versinkt, so kommt hier drin mein Tablett mit dem Frühstück jeden Tag ganz sicher um Punkt halb acht.

Klinik bedeutet Geborgenheit und Sicherheit, Bedingungslosigkeit, Daseinsberechtigung ohne Rechtfertigung. Klinik ist, wenn das Auskratzen des Joghurtbechers dein größter Tageserfolg ist und du dafür eine Stunde länger raus darfst. Klinik ist gelobt werden, für die kleinen Selbstverständlichkeiten des Alltags. Klinik ist, wenn jeder Verständnis dafür zeigt, dass der Parmesan auf den Nudeln mental einfach nicht drin ist, aber der Schokoriegel mit Nuss- und Karamellfüllung als Abendsnack ohne große Schwierigkeiten freiwillig gegessen werden kann. Klinik ist, wo jeder versteht, was Kalorien sind, die sich lohnen und was Kalorien sind die „unnötig“ sind. Klinik ist, wenn neben dem Esstisch eine Stoppuhr mitläuft und wenn nach 25 Minuten latente Hektik ausbricht. Klinik ist, wenn man sich gegenseitig Teebeutelchen schenkt und irgendwann eine beachtliche Auswahl an jederlei denkbarer Teesorte hat. Klinik ist, wenn das Ankreuzen des Speiseplans ein gesellschaftliches Ereignis ist und die Alteingesessenen den Neuen die Tücken der vermeintlich harmlosen Polenta aufzeigen. Klinik ist, wenn andere sich für dich freuen, sich wirklich für dich freuen und es auch wirklich so meinen. Wenn du Menschen, die du gerade mal 2 Wochen kennst, deine ganze Lebensgeschichte erzählen kannst, ohne dass es sich seltsam anfühlt. Wenn du ungeschminkt, im Schlafanzug, mit fettigen Haaren Monopoly spielen kannst und es dir einfach egal ist. Klinik ist die 2 Stunden Ausgang, die man sich hart erarbeitet hat, wie ein Strafgefangener regelrecht zu zelebrieren. Klinik ist, wenn deine Station einen Spitznamen wie „Die Mädels von W3“ oder „Die Station der Besten“ hat und wenn es ein bisschen peinlich, aber auch ziemlich lustig ist. Wenn du dich noch nie zu irgendetwas so zugehörig gefühlt hast, wie zu den Mädels von W3.

Klinik ist manchmal so wie eine kitschige Mädcheninternat-TV-Serie, mit strengen Schwestern anstatt strengen Lehrern und der etwas fremd anmutenden Welt „da draußen“. Klinik ist, wenn jeder sein Heimatumfeld mit „da draußen“ umschreibt. Wenn es sich wirklich so anfühlt, als wäre man drinnen, fest eingeschlossen und sicher, wie eine Raupe im Kokon. Wenn „da draußen“ bedrohlich und chaotisch wie ein Damoklesschwert vor der Eingangstür der Klinik wartet. Wenn dir bewusst wird, dass du irgendwann wieder da raus musst. Wenn du im inneren Konflikt mit dir selbst bist, gesund werden zu wollen, aber noch ein bisschen hier bleiben zu dürfen. Wenn du ernsthaft innerlich mit dir debattierst, ob wieder Abnehmen eine echte Alternative wäre. Wenn du dir immer die Gewissheit offen halten musst, wieder hierher zurückzukommen zu können. Wenn du von Zeit zu Zeit „Testtage“ einlegst, nur um dich zu vergewissern, dass du es noch kannst, dass du es noch könntest. Wenn du dir manchmal ausrechnest, wie lange du hungern müsstest, um wieder in die Klinik zu dürfen. Wenn dieser Zeitpunkt erst dann gekommen ist wenn du „krank genug“ bist und wenn du weißt, dass du dich eigentlich niemals „krank genug“ fühlen wirst. Wenn du Angst davor hast, dich nie wieder so sicher, wie in der Klinik zu fühlen. Wenn du dich fragst, ob es außerhalb der Klinik jemals genauso schön werden kann?

Nein, eigentlich sind Krankenhäuser per se kein schöner Ort. Aber letztlich ist doch alles Definitionssache. Jedenfalls ist es so, dass auch an einem hässlichen Ort schöne Dinge, an einem traurigen Ort, glückliche Dinge, passieren können. Und im Grunde genommen ist das Krankenhaus ja auch nur das Setting. Ich weiß nicht, ob es falsch ist, Schwierigkeiten damit zu haben, zu akzeptieren, dass bestimmte Situationen und Umstände so nicht wieder zurückzuholen sind. Und ich weiß, dass das ein langer Satz, mit noch mehr Kommata ist und dass vielleicht auch inhaltlich nur schwer nachvollziehbar ist, wieso um alles in der Welt, man Sehnsucht nach Klinik haben kann. Manchmal verstehe ich es selbst nicht, manchmal dafür umso mehr.

Eisbären sind Einzelgänger

Ausflug in den Zoo, Halt am Eisbärenbecken. Ein Eisbär klammert sich mit seinen großen Tatzen an ein Stück Baumstamm und wippt dabei im Wasser hin und her. Manchmal frage ich mich, ob wir tatsächlich so anders als die Tiere sind. Ob unser vermeintlicher Intellekt uns als weiter entwickelt einstuft und wenn ja, warum wir uns dann trotzdem gegenseitig wie Tiere zerfleischen, obwohl wir unsere Nahrung auch im Supermarkt kaufen können.

Der Eisbär schwimmt eine kleine Runde, starrt kurz auf die Scheibe und schwimmt dann zurück zum Baumstamm. Ich frage mich, ob er die Menschen hinter der Scheibe als Zuschauer wahrnimmt und ob er sich mitunter beobachtet fühlt. Der Eisbär schwimmt erneut eine kleine Runde – dieses Mal in die andere Richtung – und kehrt dann wieder zurück zum Baumstamm. Sein Kopf geht wieder gen Scheibe, er gähnt und wippt dann weiter hin und her. Langsam und gleichmäßig, fast schon automatisch.

Das Konzept Zoo kommt aus dem alten Ägypten. Menschen die sich Tiere aus Sensationslust, Voyeurismus und echtem Interesse als Schauobjekte gehalten haben um sich über deren Verhalten und Aussehen auszutauschen. Im 19. Jahrhundert wurden dann nicht mehr nur Tiere, sondern auch „exotische“ Menschen mitausgestellt. Menschen die anders aussahen, sich anders verhielten und andere Traditionen pflegten. Das Fremde und Unbekannte als Inszenierung, die normalen Menschen draußen behütet und sicher durch Gitterstäbe und Käfige.

Das Eisbärenbaby kommt ins Becken geschwommen und die Eisbärenmama baut sich schützend um es herum auf. Die Menschen freuen sich, schießen Fotos, zeigen mit dem Finger auf das Baby, machen Kindergeräusche und tauschen Weisheiten über Eisbären aus. „Eisbären sind ja eigentlich Einzelgänger“ fachsimpelt ein alter Herr, vermutlich der Opa des Kindes daneben. Das Kind nickt und tatscht mit der flachen Hand gegen die Scheibe. Der Eisbär gähnt, schwimmt eine Runde, das Baby schwimmt vornedrein. Beide kehren zurück zum Baumstamm. „Ich will zu den Elefanten“ sagt das Kind zu seinem Opa. Die beiden suchen auf dem Plan nach dem Elefantengehege und brechen auf. „Elefanten leben in Herden“ murmelt der Opa noch beim Gehen, der Eisbär gähnt und schwimmt eine Runde.

Wieder daheim stöbere ich ein bisschen im Internet und überfliege Berichte und Artikel über Eisbären. Ein Artikel berichtet von einem Bären in Gefangenschaft, der sich zu Tode gehungert hat, um endlich frei zu sein – absichtlich. Sich zu Tode hungern um frei zu sein – stammt dieses Konzept von uns oder von den Tieren? Hungern wir auch um frei zu sein, nur um uns damit selbst in Gefangenschaft zu nehmen? Um uns unser eigenes Gefängnis zu bauen, uns unsere eigenen Gitterstäbe zu konstruieren? Denn wenn man schon im Käfig leben muss, dann doch lieber im eigenen. In einem, in dem die Gitterstäbe aus brüchigen Knochen, die Wände aus transparenter Haut und der Boden aus feinen Haaren bestehen. Ein Käfig, der manchmal so weit wie ein Ozean ist und manchmal so eng wie ein Korsett, sodass es uns fast die Luft abschnürt. Ein Korsett, dass so eng ist, dass es sich anfühlt als müsste man wählen zwischen essen und atmen, weil nur für eine Röhre – Luft- oder Speiseröhre-  Platz ist. Ein Ozean der so weit ist, dass er dich verschluckt – im Ganzen, ohne Kauen.

Handeln Tiere aus Instinkt oder aus freiem Willen? Und was von beidem trifft auf uns zu? In einem anderen Artikel steht, dass Kuckucke weinen um überschüssiges Salz loszuwerden. Weinen um den Elektrolythaushalt stabil zu halten, weinen um zu überleben. Wenn wir weinen, sorgen wir damit also instinktiv für Stabilität und Gleichgewicht oder haben wir die Wahl? Können wir uns dazu entscheiden nicht zu weinen, gar nicht mehr zu weinen? Nicht in der Öffentlichkeit, nicht alleine, nicht daheim, nachts, im Bett. Nicht unter der Dusche, nicht beim Busfahren, nicht wenn der Druck hinter den Augen so stark wird, dass man die Augen nach oben verdrehen und dabei blinzeln muss, um die Tränen wieder zurück zu schwemmen. Ungewollte Tränen, die gar nicht erst hätten entstehen dürfen. Fremdkörper im Kopf, die mich schwach machen wollen. Die sich durch die hohlen Stellen zwischen den Gitterstäben durchpressen wollen, um jeden Preis.  Die sich durch die Knochen durchdiffundieren und dabei verdampfen.

Wo ist der Punkt, an dem Überleben das Gleiche wie Sterben bedeutet. Gehört der Tod zum Überlebensinstinkt? Wölfe, so steht es in einem anderen Bericht, beißen sich manchmal selbst die Beine ab, um einer Falle zu entkommen. Meistens sterben sie danach aber am Blutverlust. Ein sowohl tierisches als auch menschliches Dilemma. Die Kraft und den Willen zu haben, sich selbst aus einer bedrohlichen Lage zu befreien, die einzig verfügbaren Mittel sind solche, die noch mehr Schaden anrichten. Und dennoch ist einem dieser Schaden in jedem Fall lieber, denn das bedrohliche ist nicht das Verlieren an sich, sondern das Verlieren der Entscheidungsfähigkeit. Denn wenn ich mich dazu entschließe nichts zu spüren, dann tut es auch nicht weh.

Meine Routine ist mein Baumstamm. Ein rundes, langes Stück Holz das im Wasser schwimmt und zu dem ich immer zurückkehren kann. Meine Boje. Ich gähne, gehe schlafen, schwimme eine Runde im Traum und als ich aufwache klammere ich wieder an meinen Baumstamm. Ich gähne, gehe in die Uni, fahre mit der U-Bahn und klammere mich an meinen Baumstamm. Kein Reflex, sondern bewusste Entscheidung. Kein Überlebensinstinkt, sondern gelerntes Verhalten.

Bevor ich den Zoo verlasse um nach Hause zu fahren komme ich noch einmal am Eisbärenbecken vorbei. Der Eisbär und das Baby spielen mit einem Ball. Als ich stehen bleibe und den beiden zusehe, gähnt der Eisbär plötzlich, schwimmt eine Runde und klammert sich dann wieder an seinen Baumstamm.

 

Kontinentalklima

„Irgendwo auf der Welt ist immer Sommer“ singt jemand im Radio. Das ist falsch und es macht mich wütend. Wenn irgendwo auf der Welt Frühling ist, dann ist woanders bestenfalls Herbst, aber ganz bestimmt nicht mehr Sommer. Und Herbst ist fast schon wieder Winter und wer will überhaupt einen Dauer-Sommer? „Irgendwo, Irgendwo ist immer Sommer, Sommer, immer immer immer Sommer“ – ich wünsche mir, dass irgendjemand beim Radio anruft und dem Mann einen kurzen Crashkurs in Geographie 4. Klasse erteilt. Ich hasse diesen Liedtext bereits jetzt schon mindestens genauso sehr wie unlogische Filmszenen (natürlich haben sie beide auf die blöde Türe gepasst) oder unlogische Wörter (Doppelhaushälfte!). Und auch in Streifen geschnittene Sellerie ist immer noch Sellerie und sind keine Pommes Frites.

Vielleicht gab es mal eine Zeit in der ich das geleugnet hätte. Eine Zeit in der in Streifen geschnittene Sellerie mit Ketchup wie eine fettige Fast-Food Sünde geschmeckt haben und in der Gemüse in Wasser gedünstet eine asiatische, vollwertige Mahlzeit war. Eine Zeit in der immer Winter war (Immer Winter, Winter immer immer immer Winter). Eine Zeit, in der mein Gehirn in Dauerschleife, genau wie dieses dämliche Lied, monoton ratternd immer wieder dieselben sinnlosen Sätze dahingeträllert hat, wie eine kaputte Schallplatte. Grenzenlose Phantasie und begrenzte Möglichkeiten mündeten in Sellerie-Pommes-Frites und Hüttenkäsemayonnaise.

Viele Menschen fragen sich ja, warum Vegetarier überhaupt Fleischersatz essen, oder sich Burgerpatties aus Erbsen statt richtigem Fleisch kaufen. Ich glaube die Küchenpsychologie dahinter ist ganz ähnlich wie bei der Knäcke-Pizza (1 Knäckebrot, 1 TL Ketchup, ¼ Paprika, 1 TL Hüttenkäse, dann für 3 Minuten in die Mikrowelle). Der Verzicht macht komische Dinge mit unserem Gehirn. Sobald wir etwas nicht(mehr) haben können, wollen wir es plötzlich umso dringender. Wenn wir auf etwas verzichten, dann steigt der Stellenwert dieser Sache in unserem persönlichen Ranking und lässt uns denken, dass dieses rare Gut etwas Besonderes, etwas Wertvolles ist. Und das macht die Sache natürlich attraktiver und unerreichbarer. Logisch wäre es, diese Rarität in Maßen zu konsumieren. Essstörung ist, wenn man diesen Kompromiss nicht eingehen will und stattdessen Knäcke-Pizza erfindet. Denn so hat man vermeintlich beides. Den Genuss und den Verzicht. Und genauso wie die wertvolle Rarität brauchen wir den Verzicht. Denn der Verzicht wiederrum gibt uns das Siegel „wertvoll“. Wertvoll, weil man besonders ist und weil man Bedürfnisse ausknipsen kann. Zack. Einfach so. Wie einen Lichtschalter. Das Problem dabei ist, dass man ab sofort im Dunkeln steht und man feststellen muss, dass Licht ausschalten wesentlich leichter als Licht einschalten ist.

Wenn Menschen lange Zeit im Dunkeln sind, nennt man das auch Reizentzug oder Reizdeprivation. Irgendwann fangen wir an Halluzinationen zu bekommen und unser Bewusstsein verändert sich. Man stumpft ab und verliert Gefühl über Sättigung und Hunger, über Appetit und Lust und über Geschmack. Und plötzlich schmeckt Knäcke-Pizza wie echte Pizza.

Im ewigen Winter gewöhnt man sich auch an die Kälte. Irgendwann schmecken blaue Lippen nach Weintrauben und steife Finger eignen sich hervorragend als Metronom. Monoton und gleichmäßig, routiniert und leise klopfend.

In den Nachrichten wurde berichtet, dass die geretteten Kinder aus der Höhle in Thailand nach langer Zeit in der Dunkelheit schmerzende Augen hatten, als sie sich wieder ans Tageslicht gewöhnen mussten.

Blinzeln, Sommer. Blinzeln, Winter. Blinzeln, wieder Sommer. Blinzeln, ich mag plötzlich keinen Hüttenkäse mehr. Blinzeln, ich habe statt Sellerie richtige Pommes-Frites gegessen.

Blinzeln, immer noch Sommer.

Automatische Ausschaltfunktion

Nicht schon wieder etwas über essen schreiben, denke ich mir. Dieses immer wiederkehrende leidige Thema. Wieso, frage ich mich, wieso gibt es noch so viele ungedachte, ungeschriebene, unausgesprochene Dinge bezüglich essen, wenn ich doch schon so viele Jahre damit verbracht habe mich mit nichts anderem zu beschäftigen.

Als wäre dieses Thema ein endloses langes Wollknäul, dass ich abwickele und abwickele, abschneide und dann wieder zu einem neuen Knäul zusammenrolle, nur um es dann wieder abzuwickeln, dieses Mal in die andere Richtung. Und jedes Mal frage ich mich wie lang der Faden dieses Mal ist, obwohl ich ihn schon hundert Mal ausgemessen habe.

Es ist als ob ich in einer Endlosschleife gefangen bin, einem runden Supermarkt bei dem man erst zur Kasse darf, wenn man sich wirklich ganz sicher ist dass man mit dem Einkauf fertig ist.

Denn ist es nicht so, dass ein Einkauf nie wirklich „fertig“ sein kann. Es kommt nur eben irgendwann einmal die Kasse und man entscheidet sich dann einfach weiter zu gehen, denn wenn man weitermachen wollte so müsste man doch zurückgehen. Und das wäre komisch.

Diese Gedankenspinnerei jedoch ist nicht gerade sondern rund. Sie kreist in großen runden Runden und dreht sich dabei um die eigene Achse, verzwirbelt meine Gedankenfäden -ich stelle mir vor sie sind lange dünne elastische Fäden- und spinnt ein Spinnennetz. Und ich bin nicht die Spinne sondern der Käfer. Ich bleibe kleben, in meinem eigenen Netz aus Gedanken, verfange mich und lasse mich von ihnen auffressen.  Vielleicht kommt genau daher der Ausdruck „ich spinne“ ? Denn dieses autoaggressive Gedankenspinnen kann einen wirklich verrückt machen.

Sich selbst von innen auffressen und dabei nicht satt werden. Sich selbst verdauen nur um festzustellen, dass mein Organismus umgekehrt funktioniert. Schlechtes wird aufgesaugt, gutes ausgestoßen.  Was bin ich für eine dumme Spezies frage ich mich.

Es ist als ob mein Gehirn falsch programmiert wurde. Als ob in mir ein kleiner digitaler Taschenrechner eingebaut ist, dessen Akku durch meine Gedankenspinnerei immer wieder neu geladen wird. Als ob ich täglich neue Zahlen in ihn einspeisen würde, neue Formeln eintippen würde.

Aber was wäre wenn ich den Akku einfach leer werden lassen würde? Vielleicht würde dann alles an das ich mich klammere unwiderruflich  gelöscht? Vielleicht ist mein Modell so alt, dass es ein Ausschalten nicht aushalten würde und einen Totalausfall provozieren würde? Oder wäre mein Rechner einfach nur auf Stand-By? Stumm gestellt, rot leuchtend im Hintergrund, darauf wartend wieder angeschaltet zu werden um genau dort weiter zu machen wo er aufgehört hat?

Was wäre mit all den nährenden Informationen die ich jahrelang zusammengesammelt habe? All die Kalorientabellen, die ich zynischerweise als „Mitternachtsformeln“ bezeichne, weil ich sie immer abrufen kann, bei Tag sowie bei Nacht? Mein Konvertierer, der Lebensmittel in Zahlen und umgekehrt umwandeln kann? Dem Wissen wie viele Hampelmänner einem Löffel Nutella entsprechen, wie viele Male mein Finger in meinem Hals kratzen und kreisen muss bis warmes Erbrochenes in die Schüssel platscht? Wie viel verschlafene Frühstücke Haare auf dem Kissen bedeuten. Wann plus zu minus wird und wann Kontrollverlust wieder zur Kontrolle wird? Wann minus und minus nicht plus sondern kalte Finger und Halsschmerzen ergibt? Wann weniger nicht mehr sondern wirklich weniger ist. Wann mehr Weniger weniger Mehr ist und wann es Zeit ist aufzuhören?

So ein High-Tech Gerät, denke ich mir und dennoch gibt es immer noch kein Update, dass es mich spüren lässt wann genug ist. Wie ein Iphone das zu lang in der Sonne lag, heiß gelaufen ist, sich selbst auf Stand-By setzt und eigenverantwortlich auskühlt. Ich hingegen spüre die Hitze nicht, laufe einfach weiter und weiter und merke nicht wie ich mich selbst kaputt mache. Keine automatische Ausschaltfunktion.

Vielleicht liebe ich das surrende Geräusch, wenn das Getriebe im Kreis rennt, wie ein Hamster im Hamsterrad. Vielleicht bin ich der Hamster, vielleicht das Rad, vielleicht beides.  Wenn der Hamster müde ist, dann wird er langsamer, springt aus dem Rad und legt sich schlafen. Wenn ich müde bin, dann renne ich noch schneller, drehe mich um meine eigene Achse und lege meine Vernunft schlafen.Wenn der Hamster darüber nachdenken würde, vielleicht würde er einfach stehen bleiben und darauf warten dass das Rad sich ausbalanciert. Wenn ich einfach stehen würde, vielleicht würde ich dann endlich abkühlen und darauf warten dass meine Gedanken sich ausbalancieren.

 

 

Shower Thoughts

Fünf Minuten einwirken lassen steht auf der Flasche meiner Haarspülung.

Im Hintergrund plätschert die Dusche weiter, während ich einfach nur so dastehe, die Haare zu einem eingeschäumten Knoten auf den Kopf gedrückt, darauf wartend sie wieder auszuspülen.

Das Shampoo ist fast leer, bemerke ich.  Die Spülung hingegen ist noch ganz voll. Hat es jemals schon einmal jemand geschafft Shampoo und Spülung gleichzeitig aufzubrauchen?

Noch 4 Minuten und 30 Sekunden. Bin ich eigentlich ein ungeduldiger Mensch?

Ich glaube ja. Ich will alles immer jetzt gleich und sofort, will nicht unnötig warten, will keine Zeit verschwenden. Ich will dass zwischen Wollen und Haben keine Lücke entsteht. Dass auf den Wunsch sofort die Erfüllung eintritt. Ich will, dass alles in ständigem Austausch bleibt. Wäre ich Ökonom würde ich vielleicht sagen: Zeit ist Geld.

4 Minuten.

Heute Morgen habe ich eine Frau auf der Rolltreppe angefahren: Rechts STEHEN, links GEHEN! Nachdem ich resolut an ihr vorbeigerauscht war, fuhr mir meine U-Bahn direkt vor der Nase weg.

Worüber denken andere Menschen nach, während ihre Haarspülung einwirkt?

3 Minuten 30 Sekunden.

Was genau passiert eigentlich in diesen fünf Minuten, in denen diese parfümierte cremige Masse in meine Haare langsam einsickert? Ich stelle mir vor, ich bin wie eine Pflanze und betreibe Photosynthese. Meine Haare saugen sich Nährstoffe aus der Haarkur, essen sich satt und tanken Energie.

Das ist komisch, denke ich plötzlich. Wenn meine Haare sich sattessen um kräftig und glänzend zu bleiben, dann habe ich damit überhaupt kein Problem. Wenn ICH mich hingegen satt esse, dann ist das absolut ein Problem. Abgesehen davon, dass ich ohnehin keine Vorstellung davon habe, was „satt“ eigentlich bedeutet, wie es sich anfühlt, ist satt eigentlich nur ein Synonym für „voll“ und mit der Haarspülung über den Ohren kann es schon mal passieren, dass ich anstatt „voll“ „Völlerei“ verstehe.

Voll zu sein fühlt sich an als sei man ein mit Wasser gefüllter Ballon. Wenn man ihn hin-und her schüttelt dann spürt man den Inhalt wackeln und plätschern. Wenn der Ballon zu Boden fällt dann gleitet er nicht sondern sackt schwerfällig und mit einem hässlichen Geräusch auf den Asphalt. Manchmal platzt die Haut und der Inhalt entleert sich über die ganze Straße. Dann ist der Ballon zwar leer, aber zerrissen.

Neben der Dusche liegt der blaue Badezimmerteppich. Wenn ich mich wie ein mit Wasser gefüllter Ballon fühle, dann rolle ich ihn zu Seite, knie mich auf die kalten Badezimmerfließen und lasse meine Haut platzen. Ich kratze mit meinen gefährlich spitzen Fingern im hintersten Eck meiner Kehle, suche nach den richtigen Worten, nach den richtigen Gefühlen, den richtigen Bedürfnissen, aber heraus kommt immer nur der Inhalt meines Magens, der mit einem hässlichen Geräusch in die Toilette platscht. Vielleicht ist mein Hals nicht der richtige Ort um danach zu suchen.

Dramatisch ausgedrückt ist die Toilettenspülung sowas wie der Radierer meines Lebens – in jederlei Hinsicht. Sollte es jemals dazu kommen, dass tatsächlich ein „Radierer für das Leben“ erfunden wird, dann werde ich mir auf jeden Fall einen kaufen.

Wofür man so einen Radierer alles nutzen könnte…Ironischerweise fällt mir sofort nur eine Sache ein: Ich könnte einfach essen, so viel ich will, was ich will, so lange ich will, wann ich will, wie ich will. Und dann, dann würde ich meinen Radierer nehmen, ihn über meine Haut rubbeln, solange bis ich sie dünn und transparent geschrubbt habe. Solange, bis ich sehen kann, wie das Essen aus mir herausgepresst wird und ich mit jedem Atemzug flacher werde. Bis der Radierer des Lebens alles Leben wegradiert hat.

Die fünf Minuten sind schon seit 2 Minuten rum. Die Spülung klebt immer noch in meinen Haaren, die in einem Knoten auf meinen Kopf aufgedrückt liegen. Die Dusche plätschert im Hintergrund, meine Hände sind schon etwas schrumpelig.

Vielleicht, denke ich mir, vielleicht brauche ich anstatt dem Radierer doch lieber eine Haarspülung für mein Leben. Sorgfältig auf den Körper auftragen, einmassieren, fünf Minuten einwirken lassen. Kontakt mit den Augen vermeiden, dann gründlich ausspülen.

 

 

 

An den Tagen…

An denen die schwierigste Aufgabe des Tages Zähneputzen ist.
Wenn du schon morgens fest den Plan hast, dich auf jeden Fall in der nächsten Stunde aufzuraffen, dich aus dem Bett zu rollen, zur Not mit einer Crash-Landung auf den Boden.
Wenn du mit einem knackenden Geräusch auf das Parkett knallst,
alle Viere von dir gestreckt auf dem Rücken liegend, wie ein Käfer der es nicht schafft sein eigenes Gewicht wieder umzudrehen. Platt unförmig und schwer, zu müde um dich zu bewegen, zu müde um einfach wieder einzuschlafen.
Wenn du beschliesst einfach dort liegen zu bleiben, auch wenn dir ohnehin nichts anderes übrig bleibt. So hast du wenigstens noch die Wahl. Wenn du dort liegst, eine Stunde, 2,3,4. Wenn es bereits Mittag ist und du immer noch nicht deine Zähne geputzt hast. Wenn die Wasserflasche auf dem Nachttisch zu weit entfernt ist, um sie mit dem ausgestreckten Arm zu greifen. Wenn du dich etwas nach links rollst, ohne dich wirklich zu bewegen und du die Flasche trotzdem nicht greifen kannst. Wenn du stattdessen einfach die Augen schließt und dir sagst, du hättest keinen Durst.
Wenn es bereits Nachmittag ist, du noch immer nichts getrunken hast und sich dein Mund eklig trocken und pelzig anfühlt. Wenn du noch immer nicht deine Zähne geputzt hast. Wenn dein Telefon klingelt und du schon gar nichtmehr versuchst den Hörer abzunehmen. Wenn der Postbote klingelt um ein Paket abzugeben und du immer noch auf dem Boden liegst, Arme und Beine von dir gestreckt, Mund immer noch pelzig, Atem sauer, Zähne ungeputzt.
Wenn du um 18 Uhr ein Bein langsam aufstellst, dann das andere. Wenn deine Arme schlottern und wackeln als du versuchst dich mit ihnen nach oben zu drücken. Wenn du endlich wieder auf zwei Beinen stehst und es sich schrecklich unnatürlich anfühlt. Wenn du am liebsten wieder zurück ins Bett fallen würdest, Arme und Beine angewinkelt, Decke hochgezogen bis zum Hals, Augen zu, Licht aus. Wenn du stattdessen mit schweren Armen den Deckel von der Wasserflasche abdrehst und dir langsam kühle Tröpfchen den Hals herunterkullern. Wenn du dir wünscht sie wären warm und salzig und würden dir stattdessen über die Wangen rollen. Wenn du deine Augen zusammenpresst, ganz fest, und versuchst die Müdigkeit auszuweinen, auszuscheiden, wie gefilterte Schadstoffe einfach auszupinkeln. Wenn deine Augen trocken bleiben und sich dein Hals wieder mehr zusammenzieht. Wenn dein Tränenkanal offenbar immer noch verschlossen ist und du ein weiteres Mal gezwungen bist alles wieder runterzuschlucken. Wenn ein klumpiger Haufen Matsch in deinem leeren Magen landet und dich noch fester zu Boden drückt. Wenn du dich mit schleifenden Füssen ins Badezimmer ziehst. Wenn du die Zahnbürste anstellst, Wasser über den Bürstenkopf träufeln lässt und dich währenddessen im Spiegel ansiehst. Wenn deine Augen verklebt und verquollen aus dunklen, schwarzen Höhlen hervorschauen, deine Wangenknochen sich gegen deine Haut drücken als wollten sie sich befreien. Wenn deine Mundwinkel trocken und rissig feine Linien in deine Haut gegraben haben, sodass es fast so aussiehst als würdest du immer lächeln.
Wenn deine Haare strohig und verknotet ungewaschen auf deinem Schädel aufliegen und du dich fragst, ob sie noch immer eine Farbe haben.
Wenn du die elektronische Zahnbürste in den Mund steckst, sie einfach nur hälst und von Zeit zu Zeit zum nächsten Zahn weiterfährst. Wenn aus deinem halboffenen Mund weisser Zahnpastaschaum auf dein graues Tshirt tropft und mit den anderen Flecken ein Muster bildet.
Wenn du erschöpt zurück ins Wohnzimmer gleitest, die Wasserflasche zurück auf den Nachttisch stellst und dich bauchwärts aufs Bett zurückfallen lässt. Wenn du die Augen schliesst und dir wünscht endlich einzuschlafen und du plötzlich gar nichtmehr müde bist.

Kalter Krieg

Als ich das erste Mal im Fernsehen das Wort „Problemzone“ hörte war ich 8 Jahre alt.

Ich kannte die Fußgängerzone, die zum Haus führte in dem ich wohnte und die Straße nebenan, in der war eine Tempo-30-Zone und im Schulsport, bei Brennball, da gab es eine Feuerzone, die man nicht betreten durfte selbst wenn man bereits abgeworfen wurde. Und wenn ich mit der S-Bahn in die Innenstadt fuhr passierte ich genau 5 Zonen, weil ich in der Vorstadt wohnte. Was aber bitteschön war eine Problemzone?

Doch dann lernte ich, dass genau so eine Zone bereits auch in mir wohnte und sie wie eine Zeichnung ohne Schablone, meine Statur an all den falschen Stellen betonte, schräge Linien formte und zu meiner persönlichen Kampfzone wurde.

Unproportioniert und hexagonal, unten zu breit und oben zu schmal, ausladende Hüfte, einladende Gelüste, ungleichgroße Brüste, Beine zu kurz und Arme zu lang und über alldem zu breit im Umfang. Die Liste wurde lang, zu lang.

Mit 13 wurde meine Problemzone zu einer Besatzungszone. Zu viel Schokolade und Pizza hatte es sich auf meinen Hüften bequem gemacht. Eiscreme hatte meine Oberarme erobert, eine Gummibärchen-Armee hatte meine Oberschenkel eingenommen. In der großen Schlacht von Salami erlagen die Diätjoghurts dem Vanillepudding. Die Fettzellen breiteten sich auf meinem Körper aus, beanspruchten die ganze Fläche für sich und bauten große, dicke, fette Mauern um ihr Areal.

Und doch gab es keinen Gewinner. Mein Körper erklärte den Kampf gegen sich selbst, geritten von blinder Zerstörungswut und Hass. Die Fronten waren verhärtet und schwabbelig zugleich.  Meine Knochen versteckt hinter einer Wand, viel zu weich.

Vielleicht war dieser Krieg von Anfang im Ungleichgewicht. Meine Arme, Beine und mein Herz im Bündnis, gemeinsam gegen meinen einsamen Kopf.

Mit 16 dauerte der Krieg bereits 3 Jahre und hatte schon einige Opfer verlangt. Mit psychologischer Kriegsführung und Hinterlist hatte mein Kopf es geschafft, mehr als die Hälfte der mächtigen Fettzellen aufzufressen. Hatte sich angeschlichen und sich durch die Bauchdecke gebissen, riesige Stücke Fleisch herausgerissen, ohne Skrupel und ohne Gewissen. Hatte ganze Fetzen Haut geschluckt, gekaut und ausgespuckt. Hatte in pralle Backen gegriffen, sich die Zunge scharf mit Rasierklingen geschliffen. Hatte Waden mit Hobeln ausgehöhlt und sich die Gelenke mit Essig geölt, die Kehle mit Säure ausgespült und sich im kalten Winter die blauen Lippen mit Feuer gekühlt.

Eine Fettzelle nach der anderen verendete kläglich und wurde von der Magensäure vom Schlachtfeld gespült. Manche kapitulierten und sprangen freiwillig über Bord.

4 Jahre später, der Kopf beherrscht nun mehr als 90 % meines Körpers. Wo einst einmal Fettzellen waren sind jetzt nur noch kleine rote Kreuze in die Haut geritzt.  Namenlose Gräber.

Für einen Waffenstillstand ist es zu spät. Schon lange hat der Kopf keine Feinde mehr zu fürchten, hat alle vernichtet und totgehungert. Mein Körper nunmehr nicht mehr eine Problemzone, sondern nur noch ein Problem. Knochen so hart wie altes Brot, an denen jede Kalorie abprallt wie ein Flummi vom Parkett. Es geht nicht mehr ums Gewinnen. Es geht um den größtmöglichen Schaden, den Supergau. Das Herz in seinem Bunker tritt mit letzter Kraft in die Pedale um weiterhin für Strom zu sorgen. Die Konservenreserven neigen sich dem Ende. Mit jedem Tag schlägt es ein bisschen langsamer, ein bisschen weniger.

Der Kopf hingegen rechnet fleißig weiter, unermüdlich und wacher wie nie zuvor. Addiert negative Kalorien, entwickelt neue Strategien um den Körper weiter zu reduzieren und die Gedanken noch mehr zu infizieren, mehr zu infiltrieren, mehr und mehr Gewicht zu subtrahieren, weiter an die Unvernunft zu appellieren und im Kampf gegen sich selbst zu brillieren.

Das Herz klopft im ¾ Takt während der Kopf schreit: Ich will, dass meine Finger sich um meinen Oberarm schließen. Ich will, dass meine Hosen in Kindergröße wieder passen. Ich will, dass meine Wangen so hohl sind, dass meine Augen fast aus den Höhlen fallen. Ich will, dass wenn ich aufwache ein Bündel Haare auf dem Kissen ist. Ich will so leicht sein, dass wenn ich von der Brücke springe mein Körper einfach verschwindet, ohne Aufprall. Ich will, dass wenn sie mich beerdigen, sie sich fragen, ob im Sarg überhaupt noch etwas, jemand liegt.

2 Jahre später. Kopf verwundet im Lazarett. Verkabelt an Maschinen, in Schläuche  und Bandagen gewickelt. Eines nachts hat sich das Herz aus dem Bunker geschlichen, die Lichter angeschaltet und den Mund so weit aufgerissen, dass der Körper gar nicht anders konnte, als eine Portion Licht zu verschlucken. Hat gewürgt und geröchelt, hat versucht es hochzupressen, aber nichts hat funktioniert. Die ganze Nacht lag er da, auf dem kalten gefliesten Boden im Badezimmer, in Gebetstellung kniend vor dem Klo, aber nichts kam mehr raus.

1 Jahr später. Bin jetzt eine Trümmerfrau. Baue auf, was ich einst zerstörst habe. Die Lücken zwischen den Rippen fülle ich mit Kartoffeln und Brot. Ich lege mich auf die Leinwand aus Papier, strecke die Arme und Beine von mir, als sei draußen Winter und ich liege hier, im Schnee und forme einen Winterengel.  Ich sehe dabei zu wie die Ruine meiner zerstörten Heimatstadt neu bebaut wird. Es gibt hier jetzt sogar einen Kinderspielplatz. Wunden heilen, Bäume wachsen.

Nachkriegszeit.

Schmetterlingssterben

In einer existenziellen Krise hatte ich einmal Google nach dem Sinn des Lebens gefragt und landete auf Wikipedia. Wenn nicht dort, wo sonst würde es eine vernünftige Antwort auf diese Frage geben, dachte ich mir.

Wikipedia legte mir die philosophischen Hintergründe der Sinnfrage selbst, die Rolle des Buddhismus, des Hinduismus, den Einfluss von Platon, Sokrates, die Evolution des Universums und des Existenzialismus und letztendlich sogar den Zusammenhang mit Gott dar. Doch auf Unmengen von rhetorischen Fragen folgten dennoch keine Antworten. Am Ende ließ mich Wikipedia mit einem Zitat der Band „Die Prinzen“ von 1995 ratlos zurück.

Unter der Rubrik „Humoristische Antworten“ folgerte Wikipedia abschließend:

Du musst ein Schwein sein in dieser Welt.“ (Im Text:…Du musst gemein sein in dieser Welt …). Hit von Die Prinzen, (1995)

Damit ist es dann wohl offiziell. Die einzige richtige Antwort auf die Frage, worin der Sinn unseres Lebens liegt, ist Zynismus.

Über Umwege und mindestens genauso existenziell bedeutende Fragestellungen, kam ich auf eine Seite, die mit einer „Anleitung zum Glücklich Sein“ teaserte. Zugegebenermaßen gewagt, aber werbetechnisch wirkungsvoll.

Im 90er Jahre Website-Stil plätscherte ein animierter Bach oben rechts beruhigend zu meditativen Klängen, die ungefragt und ohne Stopp-Funktion einfach drauflos spielten, sobald man das Fenster öffnete. Ich schaltete die Boxen aus.

Wenn man die Maus bewegte, dann folgte meinem Pfeil ein Schweif aus Rosen. Professionell und vertrauenerweckend also,  keine Frage.

Stepp 21 von 200 auf dem Weg zum Glücklich Sein, erklärte dass es hilfreich sei, ein Glückstagebuch zu führen. Ein Tagebuch also, in denen nur die glücklichen Momente des Tages gesammelt würden.

Jeden Tag sollte man sich also besinnen und versuchen, sich an eine schöne Sache, eine schöne Begegnung, einen glücklichen Moment der einem widerfahren ist zu erinnern.

Was für ein esoterisches Therapeutenzeugs habe ich mir gedacht.

„Notieren Sie die kleinen Dinge. Überlegen Sie einmal: Worüber haben Sie sich heute gefreut? Erwarten Sie keine großen Dinge. Seien Sie achtsam und versuchen Sie, mit offenen Augen durch den Tag zu gehen. Haben Sie heute vielleicht einen Schmetterling gesehen, wie er an Ihnen vorbeiflog oder sich neben Sie niederließ? Schreiben Sie es auf. Haben Sie eine schöne Blume gesehen? Richten Sie Ihr Augenmerk auf die Details.“

Ernsthaft? Ein Schmetterling? Ich war bereits dabei meinen Gästebucheintrag abzuschicken, in dem ich ausführlich darüber informierte, dass es seit einigen Jahren ein regelrechtes Schmetterlingssterben gäbe und dass einige Arten bereites so gut wie ausgerottet seien.

Dann schloss ich plötzlich die Seite, ging zum Bücherregal und kramte ein leeres, kariertes Din-A4 Heft heraus. „Gründe, sich nicht umzubringen“ schrieb ich auf das Etikett. Ich war schon immer eher Realist, als Optimist.

Wenn ich mich heute Frage, was der Sinn des Lebens ist, dann habe ich darauf immer noch keine Antwort. Auch auf Wikipedia steht dazu nichts Neues. Immerhin ist der Artikel mittlerweile in die Rubrik „lesenswert“ avanciert.

Dafür habe ich eine lange, lange Liste voller Antworten, warum es nicht wichtig ist DEN EINEN Sinn des Lebens zu ergründen. Ich habe eine Liste voller Dinge, die allein und für sich, Sinn genug sind, den Nicht-Sinn des Lebens anzuzweifeln. Was ich meine ist:

Heute habe ich auf dem Weg nach Hause eine Katze gesehen. Als ich versucht habe sie zu streicheln, ist sie nicht vor mir weggerannt. Ihr Fell war weich und getigert. Ein Tag, an dem man eine Katze streichelt, ist kein Tag an dem man sich umbringt.

Ich blättere weiter.

Heute habe ich habe heute einen erstaunlich gleichmäßigen Lidstrich gezeichnet. Der Tag, an dem man den perfekten Lidstrich zaubert, ist keiner, an dem man sich umbringt.

Heute habe ich den Bus bekommen – ohne Rennen!

Heute wurde ich an der Kasse im Supermarkt vorgelassen.

Heute habe ich geweint ohne meine Mascara zu verschmieren.

Heute habe ich zum ersten Mal die neuen Nachbarn gesehen.

Heute habe ich den Wissenstest des Tages auf ZEIT.de mit 7/8 Punkten geschafft – ohne Google!

Heute habe ich es aus dem Bett geschafft und sogar zum Briefkasten.

Heute habe ich es rechtzeitig ans Telefon geschafft.

Heute habe ich eine wirklich hübsche Paprika gekauft.

Heute habe ich endlich ein paar alte Dinge ausgemistet.

Heute habe ich an meinen Regenschirm gedacht.

Heute habe ich an meinen Regenschirm gedacht, aber es hat gar nicht geregnet.

 

 

Ist das Kunst oder kann das weg?

Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen unbenutzt stehenlasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?« fragte der Aufseher, »wann wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler»

(…)

Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler. »Da sieh mal einer«, sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?«

 »Weil ich«, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verlorenginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.«

Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er weiterhungere.

– aus Franz Kafkas „Ein Hungerkünstler“ (1922)

95 Jahre ist bereits her,  dass Kafkas Hungerkünstler in seinem Käfig den Hungertod gefunden hat. Schon damals sei das Interesse an Hungerkünstler sukzessive zurückgegangen sein, berichtet Kafka. Der Hungernde hatte es schwer, die Massen für sich zu begeistern. Der video killed the radio star – Effekt machte auch vor der Hungerkunst keinen Halt.  Die Kunst des Hungerns war selbst am Verhungern. Doch wie jeder Trend wird alles irgendwann einmal wieder modern. So auch das Hungern. Neben Leggings, Neonshirts und Schlaghosen kam auch das Hungern wieder in Mode.

Was also macht den modernen Hungerkünstler von heute aus?

Ich stelle mir vor, wie sich die Hungerkünstlerin in ihren Käfig begibt. Das ist der erste Unterschied: Der Hungerkünstler von heute ist weiblich.

Schon immer wollte sie die Menschen mit ihrer Hungerkunst begeistern. Doch niemand glaubte daran, dass sie eine gute Hungerkünstlerin sei. Niemand wollte ihr einen Käfig geben. Da bastelte sie ihn sich kurzerhand selbst. Die Menschen werden schon kommen, wenn sie sehen, welche Fähigkeiten sie in sich birgt.  Über den Boden verteilte sie Stroh und leere Kaugummipapierchen, die Wände beklebte sie mit Kalorienangaben. Es sollte alles echt wirken. Einen Schlüssel gab es nicht. Nur ein paar Maßbänder hingen von der Decke wie Seile. Über ihnen fällt ein Spalt Sonnenlicht hinein. Irgendwann wird sie leicht genug sein und an ihnen aus dem Käfig hinausklettern.

Und tatsächlich, die Menschen kommen. Anfangs skeptisch, hat sie mittlerweile eine richtige Stammgemeinde für sich gewinnen können. Auch die bösen Zungen bleiben nicht aus. Sie würde heimlich essen, sagen sie. Die Hungerkünstlerin ist entschlossen auch die Kritiker zu überzeugen. Selbst das Wasser lässt sie weg.

Einmal versuchte sie über das Maßband zu entkommen. Doch genau in diesem Moment kam einer vorbei, nur um nachzusehen ob die Hungerkünstlerin noch am Leben war. Das Gewicht der Scham zog sie sofort zu Boden.

Mittlerweile ist ihre Haut fast so transparent wie das kurze Kleid das sie trägt. Jede Rippe scheint durch den Stoff hindurch.  Um sie herum Menschen, die sich an ihrer Erscheinung ergötzen. Wie gerne würden auch sie einmal ihre dünnen Arme betatschen nur um Zeuge ihrer Magerkeit zu sein. Es ist Sensationsgier und Faszination zugleich. Irgendetwas an ihrer fragilen Erscheinung provoziert die Aufmerksamkeit der Zuschauer.  Vielleicht ist es ihre Entschlossenheit, vielleicht ihre Disziplin, vielleicht ihre aufrechte Haltung. Vielleicht sind es die Augen, die so scharf und klar sind, dass sie geradeaus durch sie hindurchsehen können.

Doch nach Jahren des Hungerns ließ das Interesse der Menschen stark nach. Manchmal kamen Menschen und tuschelten. Die Eltern schoben die Kinder am Käfig vorbei und hoben ihnen die Hand vors Gesicht, sodass sie keinen Blick auf den ausgezehrten Körper der Hungerkünstlerin werfen konnten. Einmal kam einer, der versuchte ihr eine Scheibe Brot durch die Gitterstäbe hindurchzuschieben. Doch die Hungerkünstlerin zog die Hand zurück und verneinte. Zu groß die Angst davor, das ganze Hungern sie umsonst gewesen.

Eines Nachts sah sie durch den dünnen Spalt eine Sternschnuppe über sich hinwegfliegen. Sie schloss die Augen und dachte fest an ihren größten Wunsch. Sogleich darauf, griff sie mit Schwung nach dem Maßband. Dieses Mal klappt es. Das Band schwenkt ein wenig von links nach rechts. Die Öffnung des Käfigs war bereits zum Greifen nah.  Mit einer Hand in Freiheit, fällt sie plötzlich rückwärts zu Boden. Ihre Kraft hat nicht ausgereicht.