In Luft aufgelöst

Archivierte Gedanken vom 22.03.2013

Ein Atemzug reicht aus um meinen Bauch einzuziehen. Viel einzuziehen gibt es nicht. Wenn ich einatme dann zieht sich die Bauchdecke ein wenig zusammen. Wenn ich ausatme scheint sie einfach dort zu bleiben.

Manchmal ziehe ich den Mund zusammen, so als wäre ich ein Fisch. Dabei merke ich, wie sich mein Magen nach innen stülpt. Gleichzeitig ziehe ich ein wenig die Schultern hoch. Mein Hals spannt und meine Schlüsselbeine drücken sich nach außen, gegen die Haut, als wollten sie hindurchdringen. Wie die Milchzähne die von den festen Zähnen einfach weggestoßen werden. Meine Schulterblätter begegnen sich und drücken gegen die Haut am Rücken. Wie Flügel zeichnen sie sich sichtbar ab. Meine Rippen drücken sich hervor, wie eine Raupe gefangen im Kokon, die bereit ist als Schmetterling hinauszufliegen. Alles drückt und zieht. Alles will weg. Meine Organe, meine Knochen, sogar meine Venen. Alle scheinen sie vor diesem Körper flüchten zu wollen. Als würden Sie ahnen, dass er nicht mehr lange als Nährboden dienen kann. Die Erde vertrocknet und die Blumen sind längst verwelkt. Es hat schon lange nicht mehr geregnet.

Dann lasse ich los. Lasse die Schultern sacken, nehme den Druck aus den Schlüsselbeinen, lasse die Rippen locker und atme aus.

Luft geht herein und Luft geht heraus. Luft kann mich flach machen, kann mich aufblähen, kann mich fliegen lassen, kann mich platzen lassen. Kalte Luft kann meine Haut lila färben, meine Finger erstarren lassen. Heiße Luft kann meine Haare wie Fäden wirbeln, kann meine Venen anschwellen lassen, kann den Schmerz betäuben.

Wenn Luft Kalorien hätte, würde ich aufhören zu atmen? Oder würde ich einfach die ganze Zeit hecheln? Wäre es nicht eigentlich egal, da sie sowieso wieder ausgeatmet wird?

Könnte auch ich meinen Aggregatzustand verändern? Mich in Luft auflösen? Einfach dahinwehen, schmelzen oder mich als winzige Staubkörner auf Möbel legen und dort für immer schlafen, bis ich irgendwann weggewischt werde?

 

 

Musiktipp: Hinfalln Aufstehn Weitertanzen von Maxine Kazis

Liebe Alle,

heute möchte ich euch gerne ein – wie ich finde- äußerst gelungenes Video und Lied von Maxine Kazis ans Herz legen. Sie litt selbst an einer Essstörung und verarbeitet diese nun uA in ihrem seit heute veröffentlichten Song  „Hinfalln Aufstehn Weitertanzen“.

Mit diesem musikalischen Tipp wünsche ich euch nun ein schönes Wochenende!

 

Abbauprodukt

Manchmal habe ich Angst, das Studium frisst mich auf. Die ganze Universität frisst mich auf, verschluckt mich. Und dabei bin ich wie eine gesättigte Fettsäure – Ich flutsche einfach so hindurch und werde zum Hüftpolster.

Vielleicht ist das ganze hier auch Jammern auf hohem Niveau. Schließlich habe ich das Privileg überhaupt studieren zu dürfen – und das sogar gebührenfrei. Vielleicht, wäre ich vor gut 150 Jahren geboren worden und hätte ich als Frau wirklich für meine Bildung kämpfen müssen, ja vielleicht wäre dieser Gedankengang dann angebracht.

Aber ich lebe im 21. Jahrhundert, in einem Land das so etwas wie ein Prostitutionsgesetz kennt, in dem Alice Schwarzer eine eigene Talkshow bekommt, in einem Land das ein Recht auf Bildung für jedermann und in diesem Kontext auch Frau als Menschenrecht führt.

Das ist sowas wie mein präventives schlechtes Gewissen für alles was folgt. Ich kann nichts dagegen tun, dass mich die Angst an meinen vollgekritzelten Holzstuhl fesselt.  Was wenn ich einfach durch ihn hindurchrutschen würde? Würde auch nur irgendjemand überhaupt Notiz davon nehmen? Vermutlich erst dann, nachdem ich die Regelstudienzeit überschritten habe und von Amts wegen exmatrikuliert wurde.

Ich bin Teil einer Generation, die darauf spezialisiert ist ihre ganze Existenz auf 140 Zeichen zu reduzieren. Ich bin unglaublich gut darin mich und alles was ich bin bis auf die Knochen abzunagen und zu entblößen. Ich bin ein Profi darin, alles überschüssige Fleisch und was da sonst noch so ist einfach abzureißen und direkt zum Kern zu kommen. Wenn meine Brüste nicht gleichgroß sind, dann radiere ich sie einfach weg. Ich bin ein Ökonom.

Versteht mich nicht falsch. Ich liebe Zahlen. Ich liebe die Akkuratesse, das Messbare und die Fähigkeit alles Immaterielle greifbar zu machen.  Aber ich habe das Gefühl es passiert genau das Gegenteil. Erst werde ich nummeriert und dann pauschalisiert. Ich bekomme ein Etikett das in eine Kategorie gesteckt wird. Und diese Kategorie wiederum steckt in einer großen Kartei fest. Und um mich zu finden reichen plötzlich nur noch meine Initialen aus. Und dann bin ich ein Produkt. Eine Kombination aus einer 7-stelligen Matrikelnummer und meinem Namen.

Bin ich also wirklich im Unrecht, wenn ich mich weigere einzusehen, dass meine interpersonellen Stärken und mein persönlicher Werdegang nicht genug Platz auf einer DINA4 Seite haben? Wie um alles in der Welt soll ich mich denn bitte entfalten lernen, wenn ich von allen Seiten eingedrückt werde? Das geht bestenfalls mit Backpapier.

Vielleicht war ich irgendwann einmal ein Schokocroissant. Ich war ein Blätterteiggebäck mit gutem und bösem Fett, mit Schokoladenfüllung und mit ziemlich viel Zucker. Aber ich war ein Ganzes. Ich hatte einen Wiederkennenungswert, eine Identität. Neben Donuts und Hefeschnecken erkannte man mich als Schokocroissant. Irgendwann dann kam die hungrige Universität und brach die knusprige Teigschale. Arbeitete sich zum Schokoladenkern vor – der Grund wieso man das Ding ja eigentlich isst. Und meine ganzen Einzelteile begannen sich schon auf dem Weg in den Verdauungstrakt zu spalten. Ich wurde zu ungesättigten und gesättigten Fettsäuren, zu Transfetten zu Cholesterin und zu Glukose. Ich wurde ausgepresst und gemolken. Im Magen traf ich zerkautes Brot und püriertes Obst. Ehe wir uns versahen schwappte eine Magensäurewelle über uns und wir wurden zu einem Einheitsbrei. Auf dem Weg durch den Dünndarm blieb der ein oder andere zurück. Im Enddarm angekommen hatten wir bereits selbst vergessen als wer oder was wir einst hinein gekommen waren. Und dann werde ich zum Hüftpolster. Ein neues Produkt.

Und dann werde ich vor die Herausforderung gestellt die Welt da draußen davon zu überzeugen, dass ich ein ganz einzigartiges Hüftpolster bin. Dass ich nicht wie die anderen Fettpölsterchen bin. Dass ich die Speiseröhre hinabgetänzelt bin und daraufhin die Tomaten abgehängt habe. Dass die Bösen ja eigentlich auch die Kohlenhydrate sind. Nicht umsonst nennt man mich auch „Hüftgold“. Und ja, dabei ist es ganz einfach zu vergessen, dass ich eigentlich ein Schokocroissant bin.

Wieso ist es also nicht verwunderlich, nein fast schon abwegig, zu glauben dass ein winziger „Über-Mich-Kasten“ eine ganze Person in sich aufnehmen kann? Welcher Rahmen würde es sich anmaßen ein Foto abzuschneiden? Und ist es Zufall dass sowohl die Wörter Kasten als auch Rahmen beide maskulin sind?

Habe ich nicht genug Zertifikate um mich als Person zu verifizieren? Wenn ich den Hörsaal verlasse und den Collegeblock wegpacke – bin ich dann in einer identitäslosen Sphäre? Wenn ich den vollgekritzelten Holzstuhl hochklappe und vorne der Beamer abgeschaltet wird – habe ich überhaupt noch eine Funktion? Ist das Wort Selbstwert nur ein Synonym für Bewertung?

Ich will kein Hüftpolster sein. Ich will nicht verheimlichen müssen, dass ich ein fettiges, zuckeriges Schokoladencroissant bin und dass ich eure Arterien verfetten könnte. Ich will dem Biogemüse auf Augenhöhe begegnen dürfen. Ich will mindestens 3 DINA4 Seiten. Ich will Comic Sans MS verwenden dürfen. Ich will Vorträge im Schlabberpulli halten.

Ich will für das anerkannt werden was ich bin und nicht für das was ich vorgebe zu sein.

Ausstellung „An apple a day?“ ab dem 14.03.2016 in Jena

Vor einiger Zeit habe ich auf meinem Blog auf dieses Fotoprojekt bereits aufmerksam gemacht. Nun ist es endlich soweit!

Ab heute ist die Ausstellung „An apple a day?“ von Melanie Kausch im Café Wagner Jena e.V. zu sehen.
Neben Fotos von Betroffenen, gibt es auch Interviews und deren persönliche Geschichten zu lesen.

Vorbeischauen lohnt sich also in jedem Fall!

Alice Ohne Wunderlands Foto.

Zeitreise

Imagine you could grow up all over again, and pinpoint the millisecond that you started counting calories like casualties of war, mourning each one like it had a family.Would you?

aus „empty plate“von Caitlyn Siehl

 

Eine berechtigte Frage und ich kann sie nicht beantworten.

Wenn ich die Chance hätte, alles ungeschehen zu machen. Wenn ich die Chance hätte, die Uhr um 10 Jahre zurückzudrehen. Wenn ich die Chance hätte, in mein Kinderzimmer zu schleichen und all die Kalorientabellen, die Frauenzeitschriften, die Küchenwaage und die Maßbänder einfach wegzuschmeißen. Würde ich?

Wenn ich die Chance gehabt hätte, mich davon abzuhalten, als ich mir das erste Mal auf der Schultoilette den Finger in den Hals gesteckt habe – würde ich sie ergreifen? Wenn ich die Chance hätte, die gefrorene Tiefkühlpizza wieder zurück in die Truhe zu legen, anstatt heulend an ihr zu lecken – würde ich? Wenn ich die Chance hätte, mich an all die Tage wieder zu erinnern, an denen ich wie in Trance in meinem Zimmer saß –würde ich?

Ein Teil in mir schreit entrüstet Ja. Der andere ist sich nicht ganz sicher wieso, doch er denkt das Gegenteil. Dieser Teil in mir fragt sich, was heute anders wäre, wenn ich nie eine Essstörung gehabt hätte.

Ich wollte immer alles und noch mehr. Ich wollte in jederlei Hinsicht immer nur glänzen. Wenn ich eine 1- schrieb, dann war ich enttäuscht dass es keine 1 war. Wenn ich eine 1 schrieb, dann war ich enttäuscht weil ich nicht die Einzige war. Und wenn ich die Einzige war, dann waren die Aufgaben zu leicht. Es gab nichts, das nicht hätte besser gemacht werden können. Zumindest nicht für mich. Das Dilemma an der Sache ist, dass die Leistung irgendwann zum Selbstverständnis wird. Nach der 20. Eins war die gefühlt nur noch eine Zwei wert.

Ich musste also weiterwachsen. Ich musste mich optimieren. Um die ganze Sache noch zu verkomplizieren, schaffte ich es nicht, meine Leistung selbst zu verifizieren. Ich brauchte die Bestätigung wie ein Motor sein Öl. Ich war abhängig vom Lob und Tadel der anderen. Nicht ich, sondern die anderen hatten die Macht mich zu starten oder zu bremsen. Mein Anspruch an mich stieg parallel mit jedem Misserfolg den ich in anderen Lebensbereichen erlebte. Und weil das Leben so unfair unberechenbar ist, blieben auch mir keine Misserfolge erspart.

Ich mag vielleicht ehrgeizig, fleißig und gewissenhaft gewesen sein. Leider war ich aber auch ziemlich uncool. Und im zarten Alter von 12 wiegt Letzteres leider entscheidend mehr.

Ich trug überweite Schlabberpullis und schwarze Bundfaltenhosen aus der C&A Damenabteilung und hatte irgendwann den brillanten Einfall mir selbst einen Pony zu schneiden. Ich war immer mindestens einen Kopf größer als alle anderen, weswegen ich auf jedem Klassenfoto so unfassbar unpassend herausragte. Ich besuchte die Mathe-AG und weigerte mich am Sportunterricht teilzunehmen. Im Theaterstück der 6. Klasse war ich „das dicke Ende“ im Wortspiel „das dicke Ende kommt zum Schluss.“ Ich war die geborene Zielscheibe.

Egal, wie viele Einsen ich noch hätte schreiben können. Egal, wie begeistert meine Lehrer von mir hätten sein können. Egal, wie viel Geld ich für mein Zeugnis hätte zugesteckt bekommen können. Ich war ein Freak.

Ich war ein Rollmops, ein Happy Hippo, ein Streber, Germanys Next Topmoppel, ein Presssack, ein Breitmaulfrosch, eine Hakennase, eine Gesichtsbaracke, ein Opfer und alles, was 13-jährigen Kindern sonst noch so einfällt. Und ich war ausgebremst, hilflos und machtlos.

Bis auf den Tag, an dem ich etwas gefunden hatte, mit dem ich sowohl Macht über mich als auch über die anderen erlangen konnte.

Ich drehe also die Zeit zurück, zu diesem Moment und ich frage mich noch einmal. Würde ich?

Vielleicht habe ich diese Zeit gebraucht. Vielleicht hat jedes weggehungerte Gramm eine Funktion in meinem Leben übernommen.

Ich habe Gewicht verloren und Macht gewonnen. Ich habe Gewicht verloren und Kontrolle bekommen. Ich habe Gewicht verloren um mich aus der Ohnmacht herauszuziehen. Ich habe Gewicht verloren und gelernt meine Erfolge zu spüren. Ich habe Gewicht verloren um mich zu entlasten.

Ich habe die Lasten des Rollmopses abgeworfen, die Schuld der Misserfolge weggehungert, habe die Wut und Verzweiflung ausgekotzt und habe nicht aufgehört, bis alles weg war. Und was übrig blieb, war ein Mensch, der nicht lebensfähig war. Übrig blieb nur noch ein kleiner Rest, den ich schützen konnte. Ein kleiner Rest, der so spitz und hart war, dass man ihn nicht zerbrechen konnte. Ein Knochengerüst, dem jegliche Stabilität im Leben fehlte.

Und als ich dann nach draußen gegangen bin, als Knochengerüst, da war plötzlich sichtbar, dass man mich nicht mehr umwerfen darf. Es war plötzlich klar, dass man mich stützen muss.

Also habe ich die Chance ergriffen um mir Neues anzuessen. Statt an Gewicht habe ich an Selbstvertrauen zugenommen. Ich habe Unmengen an Liebe in mich hineingeschaufelt. Ich habe mich an Gelassenheit und Freude sattgegessen. Ich habe die Lücken mit Vertrauen, Stärke und Selbstbewusstsein gefüllt.

Und deshalb würde ich es nicht. Ich würde alles so lassen wie es ist. Vielleicht war ein langer und steiniger Weg. Vielleicht war die eine oder andere Kreuzung falsch und vielleicht hätte es noch andere Wege gegeben. Letztendlich habe ich aber wieder zurück auf die Hauptstraße gefunden und das ist für mich alles was zählt.

Ich bin auf dem Weg auf dem ich sein möchte und wie ich diesen gefunden habe, spielt momentan keine Rolle.

Die Kehrseite der Medaille

 

Ich kenne zwei Arten von Hunger.

Den, den man gegen Mittag verspürt, wenn man keine Zeit zum Frühstücken hatte. Oder den, den man spürt wenn man abends nach der Arbeit spät heim kommt. Jener der sich mit Magenknurren ankündigt. Der deinen Bauch grummeln lässt und der komische Glucksgeräusche macht. Das ist die Art von Hunger, die man füttern kann.

Doch ich kenne noch eine weitere Art von Hunger. Ich verspüre ihn meistens gar nicht. Erst wenn ich etwas gegessen habe, kann ich ihn wieder spüren. Dieser Hunger ist leise. Kein Grummeln oder Glucksen kündigt ihn an. Dieser Hunger ist anders. Er zieht deine Gedanken auseinander wie Kaugummi. Er frisst sich in jede Synapse. Er lässt dich gieren und lechzen, nach Dingen die du niemals haben darfst. Der Hunger treibt dich dazu, Pappe mit Süßstoff zu schlucken. Der Hunger lässt dich so viele Schlaftabletten schlucken, nur dass du ihn nicht mehr spüren musst. Der Hunger lässt dich an Käse lecken, um dich zugleich dafür zu bestrafen. Der Hunger verzerrt deine Sicht auf dein Spiegelbild. Und du kannst ihn nur aushalten, kannst nichts gegen ihn tun. Also versuchst du dir Mittel und Wege auszudenken, die ihn irgendwie erträglicher machen. Du übertönst ihn mit Schnitten in deine Arme. Du reißt dir die Haare aus, um den Hunger für ein paar Sekunden zu vergessen. Du rennst stundenlang durch die Straßen, bei Regen und Schnee, nur um nicht an ihn zu denken. Du versuchst dich an Kochbüchern und Supermarktregalen satt zu sehen.

Ich kenne auch zwei Arten von Müdigkeit.

Die, die man spürt wenn man lange wach gewesen ist. Oder die, die man spürt, wenn man aufsteht, während es draußen noch dunkel ist. Das ist die, die man meist mit einem Kaffee wegspülen kann.

Und ich kenne noch eine weitere. Diese Müdigkeit lässt sich nicht mit Schlaf beheben. Sie ist permanent. Auch wenn du stundenlang in deinem Bett liegst, spürst du deine schwachen, müden Beine nur mit Mühe. Wenn man auf diese Art müde ist, dann heißt das nicht dass man schlafen will. Es heißt, dass man am liebsten gar nichts mehr tun will. Will einfach nur starr sein, nicht mal mehr atmen müssen und von der Luft getragen werden. Keine Last der Beine mehr spüren. Keine Energie für Gedanken aufwenden. Man will wie ein Vakuum sein. Jedes Mal wenn du blinzelst, graut es dir davor die Kraft für ein weiteres Mal aufzubringen. Die Müdigkeit lähmt dich. Sprechen ist anstrengend, zuhören noch mehr, denken sowieso. Atmen ist kräfteraubend, stehen, sitzen, liegen – alles saugt dir die Energie aus dem Körper. Du kannst dich gar nicht entscheiden was ermüdender ist: Der Gedanke daran, dass morgen alles von vorne losgeht? Oder der Gedanke, den du denken musst, selbst. Ist man einmal so müde, dann kann gar nicht mehr von alleine aufwachen.

Daneben kenne ich auch zwei Arten von Kälte.

Die, die man spürt wenn man bei Schnee ohne Handschuhe Fahrrad fährt. Die, die man spürt, während sich das Duschwasser langsam erhitzt. Die Art von Kälte, die einen zittern und klappern lässt. Die, die die Finger steif und steinern macht. Die Art von Kälte, die man mit heißem Tee und Wollpullovern besänftigen kann.

Die andere Kälte ist unerbittlich. Sie lässt sich nicht mit heißer Fönluft, mit warmem Wasser oder mit Daunenjacken zufriedenstellen. Diese Kälte ist nicht außen, sondern innen. In dir drin. Du strahlst sie aus und atmest sie gleichzeitig ein. Sie zieht sich wie dünne Fäden bis ins letzte Fingerglied. Sie betäubt deine Zehen und deine Nase. Sie macht jede Bewegung zur Qual. Sie greift dir unter die Haut und bildet eine eigene Schicht. Sie entzieht die jede Kraft und macht dich zur Eisstatue. Sie lässt sich nicht wegwaschen, nicht wegrubbeln, nicht zudecken oder einmanteln. Sie findet überall Schlupflöcher und kleine Nischen, in denen sie ihre frostig kalten Eisfragmente hineinbettet und verankert. Nichts funktioniert. Nicht einmal deine kochend heiße Wärmflasche, die dir die Haut verbrennt. Du spürst sie gar nicht. Die fünf Pullover unter der Winterjacke halten dem Frühlingswetter kaum stand. Mit jeder Bewegung riskierst du, neue Lücken für die Eisteilchen offenzulegen. Also versuchst du still zu bleiben und auszuharren, irgendwie.

 

Die vorletzte Seite

Ich sitze im Bus und blättere die Seiten um. Seite für Seite werfe ich das dicke Papier nach links und lasse den Blick dabei schnell über die winzigen schwarzen Zeichen schweifen. Fast schon automatisch schmeißen meine kalten Finger die aktuelle Seite mit letzter Kraft auf die Vorherige und mit jedem „Klatsch“ wächst mein Hass auf das Geschriebene. Der Bus rast holprig über die Landstraße und die anderen Menschen sprechen laut und wirr. Doch um mich herum ist alles dumpf. Alles was ich höre ist der markerschütternde Aufprall von Papier auf Papier. Ohrenbetäubend und eindringlich, erschütternd und schneidend. In meinen Ohren pocht es und der Druck hinter meinem Auge beginnt zu schmerzen. Gnadenlos steril in schwarz steht dort „16“ , ganz unten, auf der letzten Seite. Mein Herz pocht und meine Hände zittern. Ich beginne erneut die Seiten zu schleudern, „klatsch, klatsch, klatsch“ schneiden sie krude die stickige Luft. Und wieder: „16“. Die letzte Seite. Gekennzeichnet mit 16. Seite Nummer 16.

Das kann nicht sein, denke ich, nein, ich bin wahrscheinlich nur zu müde. Meine Augen sind getrübt, zu matt und schwach, meine Sicht ist verklärt. Nein, schlichte ich, ich muss mich versehen haben. Das dort kann niemals so da stehen. Unmöglich. Ich schließe die Augen und hole tief Luft. 21,22. Augen auf. Und während das Bild wie in Zeitlupe, wie bei einem Polaroid-Foto, langsam heller und deutlicher wird senke ich den Blick nach unten. „Seite 16“. Ich werfe die Seiten erneut übereinander und dieses Mal schmettere ich sie und schieße sie förmlich. Ich katapultiere das weiße Papier wie Kugeln aus Pistolen und versuche sie dabei nicht zu zerreißen. Mein Herz pocht immer wilder und meine Hände drohen zu explodieren. Mein Blut fließt wie heiße Lava durch meine bebenden Hände und mein Atem schnappt, wie ein Tier das zu ertrinken droht. Mein Magen zieht sich zusammen wie ein Schlauch und meine Beine werden taub und lahm. Aus der holprigen Straße wird plötzlich ein Sog, wie ein Tornado und um mich herum hallt es bedrohlich „16,16,16“. Der Himmel über mir bricht ein und aus allen Ecken wispert es nur noch „16,16,16“. Meine Beine versagen und knicken ein und meine weit aufgerissen Augen blicken direkt in eine riesige, große, fette, schleimige 16.

Ich zittere und weine und versuche die Seiten zu zerreißen. Ich werfe mit dem Papier um mich und schreie in mein Telefon. Ich steige aus und falle auf den Boden. Ich schluchze und lalle wie ein betrunkenes Baby, ich würge und gluckse und verschlucke mich an meinem eigenen Schleim. Ich liege am Boden der Busstation, kreischend und völlig außer mir, versuche die Seiten zu zerreißen und dabei nicht an meinen Tränen zu ersticken. 15 Minuten später kommt meine Mutter. 30 Minuten später liege ich sediert im Bett.

Zwei Tage später waren die Semesterferien vorbei und die Uni fing wieder an. Ich kam aber nicht mehr. Es ging nicht. Dieses beklemmende Gefühl, wenn ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite schon den Geruch der Bücher in der Nase hatte. Die Angst die mich mit sich riss, wenn ich die großen Tore des Hauptgebäudes aufgehen sah. Die schwammigen, verzerrten Erinnerungen an die unzähligen Stunden in den weißen Räumen und die Mauer aus Büchern um mich herum. Das monotone Geräusch der Tasten die bei jedem Stoß ein stumpfes Klicken von sich gaben, das mich nachts nicht schlafen ließ. Die Kälte der Wände auf der Damentoilette im 1. Stock, auf die ich mich flüchtete um Platz zu schaffen. All die Wörter und Gedanken die ich in Form von Unverdautem aus mir herauspresste um mich erneut mit Leere zu füllen. Den Hass und die Wut und die Angst die ich einfach nicht loswerden konnte. Ich habe auf die Tasten gehämmert, habe den Stift gegen das Papier gedrückt, habe die Bücher platt gewälzt und habe den Inhalt inhaliert. Ich habe mich ausgebreitet und vollgesogen, habe alles ausgekotzt um Platz zu schaffen, habe an den Wörter geleckt und versucht sie mir ins Hirn zu spritzen. Und das alles erfolglos.

Am Ende lag ich röchelnd an einer Bushaltestelle, verschmiert und verschleimt, zerfetze meine Semesterarbeit und brüllte unverständliche Dinge in mein Telefon. Und das alles nur wegen einer Seite. Eine beschissene Seite zu viel. 15 Seiten sollten das Maximum sein. Mehr nicht. Und ich habe versagt. Ich hatte nicht 15, sondern 16. Alles war es umsonst gewesen. Ich hatte mich selbst aufgegeben für nichts.

Und nun, da ich es schwarz auf weiß, in Arial Black Größe 12 hatte, blieb mir nichts anderes mehr übrig als mir die Existenzberechtigung endgültig zu versagen. Ich hatte in allem versagt, was mich berechtigte am Leben zu bleiben. Also nahm ich die weißen Seiten und zerfetzte sie in tausend Teile. Und dann nahm ich eine frische weiße Seite. Eine die leer war und rein und unverbraucht. Eine mit der man ein neues Kapitel beginnt.

 

Anm.: Das ist ein alter Text, den ich neulich wieder entdeckt habe. In den Höchstphasen der Depression, die sich im beschrieben Nervenzusammenbruch und Suizidplänen gipfelte.

Alle Jahre wieder!

Ich habe nie verstanden, was genau die ganzen Menschen da draußen an Weihnachten so euphorisch werden lässt. Ich habe nie kapiert, was genau den sogenannten „Zauber“ eines Weihnachtsmarktes ausmacht. Ich habe es nie begriffen, warum am Ende des Jahres die Menschen alle sentimental und besinnlich werden und plötzlich für alles übergeordnete Werte gelten lassen.

Für mich war Weihnachten eine Aneinanderreihung von Erklärungsnöten. Viel zu viele Situationen in denen man gemeinschaftlichem Essen entkommen musste. Viel zu dicht aneinandergereiht noch dazu. Weihnachtsmärkte waren für mich eine Sammelstelle für überflüssige Kalorien. 600 Kalorien hier, 35 Gramm Fett da – und dazu eine bunte Lichterkette.

Als der als Weihnachtsmann verkleidete Hausmeister vor ein paar Jahren auf Station Nummer 5 kam um Weihnachtscharme zu versprühen, sank die Raumtemperatur binnen Sekunden um gefühlte 10 Grad. In seinem Sack Unmengen an Schokoladen-Nikoläusen. Bittende Augen und zitternde Mundwinkel brachten die Stationsschwester schließlich dazu den Weihnachtsmann kurz unter vier Augen zur Seite zu bewegen. Nach Minuten des Schreckens holte dieser dann aus einem zweiten Sack schließlich für jede von uns einen Apfel heraus. Vielleicht war dies das einzige Mal an dem ich tatsächlich so etwas wie weihnachtliche Dankbarkeit verspürt habe.

Weihnachtszeit bedeutete für mich lila Hände und steifgefrorene Füße. Weihnachtszeit bedeutete für mich nächtelang Unmengen an Plätzchen zu backen um dann keins davon auch nur zu probieren. Weihnachtszeit bedeutete für mich, dass ich tatsächlich ein weiteres Jahr überstanden habe – manchmal war ich darüber froh, manchmal nicht.

Weihnachtszeit bedeutete Stress. Die musternden Blicke der Verwandten die man nur einmal im Jahr sieht. Die unbeholfenen Witze deines Onkels der deine Eltern fragt, ob das Kind daheim nichts zu essen bekomme. Die klagenden Blicke deiner Oma, wenn du, nachdem du letztes Jahr schon Veganer geworden bist, mittlerweile Laktose-, Fructose und Gluten nicht mehr verträgst und deswegen nichts vom Kartoffelpüree essen kannst. Ja, Weihnachten war anstrengend.

Deswegen versuche ich seit letztem Jahr mich an die Jahre davor zu erinnern. Ich stelle mir vor ich wäre 5 und es gäbe tatsächlich einen Weihnachtsmann. Ich stelle mir vor, auf meinem Wunschzettel könnte alles stehen. Kein Wunsch zu groß, keiner zu absurd, keiner unerfüllbar. Ich versuche mich an das Gefühl zu erinnern, wie es war jeden Tag ein Türchen im Adventskalender zu öffnen. Ich stelle mir vor wie ich mich jeden Tag darauf gefreut habe die Lichterkette anzustellen. Ich erinnere mich daran wie unser ganzes Haus nach Plätzchen geduftet hat. Ich erinnere mich daran, wie wir alle zusammen den Weihnachtsbaum geschmückt haben. Ich erinnere mich daran, wie ich Weihnachtslieder mit der Blockflöte zum Besten gegeben habe. Ich erinnere mich daran, wie ich die beschlagene Scheibe im Auto mit dem Finger bemalen konnte.

Und ja – heute weiß ich, dass es keinen Weihnachtsmann gibt und dass meine Wunschzettel nie nach Himmelstadt gesendet wurden. Ich weiß, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Ich weiß, dass die Wünsche die man nicht im Laden kaufen kann, die sind die man sich am meisten wünscht. Ich weiß, dass mein Adventskalender morgen wieder gefüllt ist, auch wenn ich meinen Teller heute nicht leer esse. Ich weiß wie viele Kalorien jedes einzelne Plätzchen hat. Ich weiß, dass ich dieses Jahr zu spät zum Dekorieren nach Hause kommen werde. Ich weiß dass meine Scheibenbilder wieder verblassen und von alleine verschwinden werden.

Aber trotzdem weiß ich auch, dass Weihnachten Freude bedeuten kann. Dass es Spaß machen kann, Kalorien auf einem Weihnachtsmarkt zu konsumieren. Weil gebrannte Mandeln lecker sind. Und weil Glühwein Spaß macht. Und weil ich zusammen mit Freunden lache. Ich weiß, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, mit der Familie an Weihnachten zusammen zu sitzen und zu essen. Ich weiß jetzt, wie viel entspannter es ist, den Teller leer zu essen anstatt die Erbsen in die Hosentasche zu stecken. Ich weiß es zu schätzen, dass ich die Möglichkeit habe ein weiteres Jahr zu erleben.

Das ist Weihnachten für mich – die Belohnung dafür, ein Jahr gelebt zu haben und ein weiteres leben zu dürfen.

Besuchsfreie Zeit

Als wir mit der Schule fertig waren, sind wir alle raus in die große weite Welt. Haben uns alle an den Unis beworben. Wir haben neue Freunde gefunden. Wir haben neue Identitäten bekommen. Wir durften alle nochmal neustarten.

Hatte jemand Geburtstag haben wir uns aber alle wieder versammelt. Haben über alte Zeiten geredet, die noch keine 12 Monate zurücklagen. Haben von unseren beruflichen Perspektiven geschwärmt, als hätte die Welt nur auf uns gewartet.

Manche haben die neuen Freunde mitgebracht. Manche waren der neue Freund selbst.

Dann wurden es immer weniger Geburtstage. Irgendwann war es nur noch ein „Wie geht’s Dir so?“ auf WhatsApp. Ein „Gefällt Mir“ beim neuen Profilbild auf Facebook. Der flüchtige Hinweis, dass man am Leben der anderen noch teilnimmt. Eher passiv jetzt. Ziemlich viel zu tun mit dem Studium. Und auch die neuen Freunde brauchen jetzt mehr Zeit.

Alle sind sie mit der Zeit gegangen. Alle haben sie sich an ihr neues Leben angepasst. Nur ich tappte auf der Stelle. Machte einfach da weiter wo ich nie wirklich aufgehört hatte.

Als ich im November 2013 ein neues Profilbild einstelle sind die Reaktionen eher zurückhaltend. Auch nach 72 Stunden unverändert: „2 Personen gefällt das“ Eine davon ist meine Mutter.

Dann irgendwann ploppt ein Nachrichtenfenster auf dem Bildschirm auf: „ Hey! Wie geht’s Dir so? Hab‘ gehört du hast ein Urlaubssemester genommen?“

Und da war er. Der Beweis dass die Freundschaften an denen ich so krampfhaft festgehalten hatte nicht mehr existierten. Ich kenne diese Art Gespräch. Subtil nach brisanten Informationen haschen, unter dem Deckmantel man wolle sich mal wieder so melden. Einfach so, interessehalber.

Aus Teilnahme an meinem Leben ist jetzt also Neugierde und Sensationsgier geworden. Hatte man letztes Jahr noch darüber gesprochen dass X jetzt nichtmehr mit Y zusammen ist und sie ihren Status immer noch nicht geändert hat, bin es jetzt wohl ich worüber die anderen tratschen, wenn sie über „die aus der Stufe“ sprechen.

„Nicht so gut. Bin momentan wieder in der Klinik. Und es ist schon das zweite Urlaubssemester ehrlichgesagt. Und wie geht es Dir so?“  Ich habe keine Lust zu spielen. Ja, ich studiere momentan nicht. Ich habe schon das zweite Semester ausgesetzt. Ja, mir geht es nicht wirklich gut. Ich sitze seit Monaten in einer Klinik fest. Ich bin traurig und einsam und müde. Und ich habe keine Ahnung wie ich mein Leben in den Griff bekommen soll. Ich habe keine Lust mich mit Zivilrecht auseinanderzusetzen. Ich will über Magerquark nachdenken. Ich will Kalorienzählen. Und vor allem will ich so verdammt verhungert sein, dass es keiner mehr wagt mich auch nur ansatzweise mit diesem vorwurfsvollen Unterton anzusprechen. Ja, ich hinke hinterher. Ja, ihr macht eure Karriere, während ich hier festsitze. Ja ich habe versagt. Ja, Ja, Ja. Ich biete so wunderbaren Gesprächsstoff.

„Oh, das tut mir leid. Hab mir das ja schon gedacht, als ich dein neues Profilbild gesehen hab. Da siehst du wirklich sehr schlecht aus. Ich wünsche dir gute Besserung. Bist du in der Uniklinik?“

Ja genau. Bin da wahrscheinlich noch bis Februar oder so.“  Soll ich? Ich überlege einen Moment. „Du bist ja ganz in der Nähe dann, oder? Ich will nicht aufdringlich oder sein, aber wenn du magst kannst du ja gerne mal vorbeikommen. Freue mich immer über Besuch. Kann ganz schön öde hier werden ;)“

Einundzwanig. Zweiundzwanzig. Sie schreibt etwas…

„Oh ja natürlich mache ich das. Möchte dich unbedingt mal wieder sehen. Übernächste Woche bin ich mit den Klausuren durch. Da habe ich viel Zeit. Gebe dir dann nochmal Bescheid wann genau. Bis dahin!“

Zwei Wochen und ich habe noch nichts von ihr gehört. Auch nach drei Wochen postet sie munter, dass sie mit ihren „Lieblingen“ in dieser „süßen Bar am Marktplatz“ war und das sie dort „sooooo viel Spaß hatten <3“. Aber von Besuch keine Spur. Nach vier Wochen schicke ich eine kleine Erinnerungsnotiz. Unter ein Foto von ihren selbstgebackenen „total missglückten“ Weihnachtsplätzchen schreibe ich ein provokantes: Lecker sehen sie trotzdem aus! 3 Sekunden später gefällt ihr mein Kommentar. Aber zu Besuch kommt sie trotzdem nicht. Auch nicht im Januar und auch nicht im Februar. Sie hat mich nie besucht. Kein einziges Mal.

Keiner hat mich besucht. Keiner der Menschen, die so rege an meinem Leben interessiert waren. Keiner derer, die mir jedes schmutzige Detail über meinen Nervenzusammenbruch aus der Nase gezogen haben. Keiner derer, die mir in regelmäßigen Abständen irgendwelche bedeutungsschwangeren Motivationssprüchlein auf WhatsApp gesendet hatten. Keiner war da. Neun Monate war ich in einem Krankenhaus, das die meisten nur lächerliche 10 Minuten mit dem Bus gekostet hätte. Außer meinen Eltern war nie jemand da. Nicht ein einziges Mal. Neun Monate, fast 40 Wochen. 274 Tage und kein einziger davon war der richtige für einen Besuch.

Fast zwei Jahre später gefallen ihr immer noch meine Urlaubsfotos. Hin- und wieder ein kleines „Hallo“ aufs Handy. Geburtstagswünsche und höfliche Floskeln bei Gelegenheit.

Vor ein paar Monaten schrieb sie, sei sie mal für ein Wochenende in München. Eine Messe besuchen. Weil sie ja jetzt arbeitet und groß Karriere macht und die so gut in ihr Profil passt. Hatte ich nicht mal erwähnt, dass ich gar nicht so weit von der Innenstadt entfernt wohne?

„Hast du ein Glück mit dem Wetter. Soll richtig warm an den Tagen werden. Fast 28 Grad!“ schrieb ich ihr darauf zurück.

Als sie dann München war hat sie mich nicht besucht … und das war gut so.

Zero Tolerance

Eines Nachts hatte ich schreckliche Magenschmerzen. Hunger – und Muskelkrämpfe lähmten mich. Alpträume von Pizza, von Eiscreme und von Schokolade suchten mich heim. Da plätscherte ganz plötzlich eine salzige, dicke Träne mein Gesicht herunter. Schnell und ohne darüber nachzudenken schnappte ich nach ihr und verschluckte sie hungrig. Doch während der salzige Tropfen langsam meine vertrocknete Kehle herunter wanderte, blieb mein Herz regelrecht stehen. Noch bevor die Träne meinen Magen erreicht hatte, lag ich bereits in meinem Schlafanzug auf dem kalten Fußboden und machte wie wild geworden Sit-Ups und Liegestützen. Wie viele Kalorien so eine Träne wohl hat?

Am Morgen dann, bevor ich das heilige Ritual begann, traf ich zu allererst die nötigen Vorkehrungen.In Andacht und fast schon zeremoniell zog ich als erstes die Hose, dann das Shirt, dann die Socken und daraufhin auch die Unterwäsche aus. Danach das Haargummi. Dann schnitt ich, falls möglich, Fuß- und Fingernägel und schnäuzte mich so fest dass mir fast schwarz vor Augen wurde. Ich pustete fünf Mal ganz fest gegen den Spiegel, sodass er beschlug um die überflüssige Atemluft nach draußen zu befördern. Dann sammelte ich meinen Speichel und spuckte so oft es ging in das leere Waschbecken –so lang bis meine Zunge rau und mein Rachen trocken und heißer war. Erst dann konnte ich mir sicher sein, dass kein falsches Gramm mehr an mir klebte. Erst dann konnte ich vorsichtig auf die kalte Waage steigen.

Mein Leben basierte auf einer „zero tolerance policy.“ Unerbittlich und gnadenlos, wurden keine Kilokalorie und kein Milligramm zu viel geduldet. Keine Toleranz – kein Spielraum.In meinem Rechtssystem gab es keine Bagatelldelikte, sondern ausschließlich Kapitalverbrechen.

Für meine Taten gab es nur die Höchststrafe. Ich hielt nichts von Resozialisierung oder Prävention. Ich war schon längst isoliert von der Gesellschaft und moralisch abgestumpft. Und ja, auch die Todesstrafe habe ich befürwortet.

Die Magersucht ist kompromisslos. Die Magersucht gibt sich nicht mit „nur ein bisschen“ zufrieden.Die Magersucht will alles und noch mehr. Denn so enthaltsam und bedürfnislos die Magersucht in puncto Nahrungsaufnahme sein mag, umso gieriger ist sie wenn es um Macht und um Kontrolle geht. Sie giert nach Regeln, Gesetzen und Dogmen. Sie lechzt nach Riten und nach Zwängen. Die Magersucht ist der strengste Richter im Saal. Jede Verhandlung mit ihr ist vergebens. Die Magersucht verhandelt nicht. Und auch Toleranz kennt die Magersucht nicht. Nicht beim Essen. Nicht bei Zahlen. Nicht bei Zielen.

Als ich also eines Nachts versehentlich eine dicke, salzige Träne verschluckte, ließ sie keine Gnade walten. Sie ließ mich Sit-Ups machen und Liegestützen – die ganze Nacht. Seitdem habe ich nie wieder auch nur daran gedacht eine Träne zu verschlucken.