Kontinentalklima

„Irgendwo auf der Welt ist immer Sommer“ singt jemand im Radio. Das ist falsch und es macht mich wütend. Wenn irgendwo auf der Welt Frühling ist, dann ist woanders bestenfalls Herbst, aber ganz bestimmt nicht mehr Sommer. Und Herbst ist fast schon wieder Winter und wer will überhaupt einen Dauer-Sommer? „Irgendwo, Irgendwo ist immer Sommer, Sommer, immer immer immer Sommer“ – ich wünsche mir, dass irgendjemand beim Radio anruft und dem Mann einen kurzen Crashkurs in Geographie 4. Klasse erteilt. Ich hasse diesen Liedtext bereits jetzt schon mindestens genauso sehr wie unlogische Filmszenen (natürlich haben sie beide auf die blöde Türe gepasst) oder unlogische Wörter (Doppelhaushälfte!). Und auch in Streifen geschnittene Sellerie ist immer noch Sellerie und sind keine Pommes Frites.

Vielleicht gab es mal eine Zeit in der ich das geleugnet hätte. Eine Zeit in der in Streifen geschnittene Sellerie mit Ketchup wie eine fettige Fast-Food Sünde geschmeckt haben und in der Gemüse in Wasser gedünstet eine asiatische, vollwertige Mahlzeit war. Eine Zeit in der immer Winter war (Immer Winter, Winter immer immer immer Winter). Eine Zeit, in der mein Gehirn in Dauerschleife, genau wie dieses dämliche Lied, monoton ratternd immer wieder dieselben sinnlosen Sätze dahingeträllert hat, wie eine kaputte Schallplatte. Grenzenlose Phantasie und begrenzte Möglichkeiten mündeten in Sellerie-Pommes-Frites und Hüttenkäsemayonnaise.

Viele Menschen fragen sich ja, warum Vegetarier überhaupt Fleischersatz essen, oder sich Burgerpatties aus Erbsen statt richtigem Fleisch kaufen. Ich glaube die Küchenpsychologie dahinter ist ganz ähnlich wie bei der Knäcke-Pizza (1 Knäckebrot, 1 TL Ketchup, ¼ Paprika, 1 TL Hüttenkäse, dann für 3 Minuten in die Mikrowelle). Der Verzicht macht komische Dinge mit unserem Gehirn. Sobald wir etwas nicht(mehr) haben können, wollen wir es plötzlich umso dringender. Wenn wir auf etwas verzichten, dann steigt der Stellenwert dieser Sache in unserem persönlichen Ranking und lässt uns denken, dass dieses rare Gut etwas Besonderes, etwas Wertvolles ist. Und das macht die Sache natürlich attraktiver und unerreichbarer. Logisch wäre es, diese Rarität in Maßen zu konsumieren. Essstörung ist, wenn man diesen Kompromiss nicht eingehen will und stattdessen Knäcke-Pizza erfindet. Denn so hat man vermeintlich beides. Den Genuss und den Verzicht. Und genauso wie die wertvolle Rarität brauchen wir den Verzicht. Denn der Verzicht wiederrum gibt uns das Siegel „wertvoll“. Wertvoll, weil man besonders ist und weil man Bedürfnisse ausknipsen kann. Zack. Einfach so. Wie einen Lichtschalter. Das Problem dabei ist, dass man ab sofort im Dunkeln steht und man feststellen muss, dass Licht ausschalten wesentlich leichter als Licht einschalten ist.

Wenn Menschen lange Zeit im Dunkeln sind, nennt man das auch Reizentzug oder Reizdeprivation. Irgendwann fangen wir an Halluzinationen zu bekommen und unser Bewusstsein verändert sich. Man stumpft ab und verliert Gefühl über Sättigung und Hunger, über Appetit und Lust und über Geschmack. Und plötzlich schmeckt Knäcke-Pizza wie echte Pizza.

Im ewigen Winter gewöhnt man sich auch an die Kälte. Irgendwann schmecken blaue Lippen nach Weintrauben und steife Finger eignen sich hervorragend als Metronom. Monoton und gleichmäßig, routiniert und leise klopfend.

In den Nachrichten wurde berichtet, dass die geretteten Kinder aus der Höhle in Thailand nach langer Zeit in der Dunkelheit schmerzende Augen hatten, als sie sich wieder ans Tageslicht gewöhnen mussten.

Blinzeln, Sommer. Blinzeln, Winter. Blinzeln, wieder Sommer. Blinzeln, ich mag plötzlich keinen Hüttenkäse mehr. Blinzeln, ich habe statt Sellerie richtige Pommes-Frites gegessen.

Blinzeln, immer noch Sommer.

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Automatische Ausschaltfunktion

Nicht schon wieder etwas über essen schreiben, denke ich mir. Dieses immer wiederkehrende leidige Thema. Wieso, frage ich mich, wieso gibt es noch so viele ungedachte, ungeschriebene, unausgesprochene Dinge bezüglich essen, wenn ich doch schon so viele Jahre damit verbracht habe mich mit nichts anderem zu beschäftigen.

Als wäre dieses Thema ein endloses langes Wollknäul, dass ich abwickele und abwickele, abschneide und dann wieder zu einem neuen Knäul zusammenrolle, nur um es dann wieder abzuwickeln, dieses Mal in die andere Richtung. Und jedes Mal frage ich mich wie lang der Faden dieses Mal ist, obwohl ich ihn schon hundert Mal ausgemessen habe.

Es ist als ob ich in einer Endlosschleife gefangen bin, einem runden Supermarkt bei dem man erst zur Kasse darf, wenn man sich wirklich ganz sicher ist dass man mit dem Einkauf fertig ist.

Denn ist es nicht so, dass ein Einkauf nie wirklich „fertig“ sein kann. Es kommt nur eben irgendwann einmal die Kasse und man entscheidet sich dann einfach weiter zu gehen, denn wenn man weitermachen wollte so müsste man doch zurückgehen. Und das wäre komisch.

Diese Gedankenspinnerei jedoch ist nicht gerade sondern rund. Sie kreist in großen runden Runden und dreht sich dabei um die eigene Achse, verzwirbelt meine Gedankenfäden -ich stelle mir vor sie sind lange dünne elastische Fäden- und spinnt ein Spinnennetz. Und ich bin nicht die Spinne sondern der Käfer. Ich bleibe kleben, in meinem eigenen Netz aus Gedanken, verfange mich und lasse mich von ihnen auffressen.  Vielleicht kommt genau daher der Ausdruck „ich spinne“ ? Denn dieses autoaggressive Gedankenspinnen kann einen wirklich verrückt machen.

Sich selbst von innen auffressen und dabei nicht satt werden. Sich selbst verdauen nur um festzustellen, dass mein Organismus umgekehrt funktioniert. Schlechtes wird aufgesaugt, gutes ausgestoßen.  Was bin ich für eine dumme Spezies frage ich mich.

Es ist als ob mein Gehirn falsch programmiert wurde. Als ob in mir ein kleiner digitaler Taschenrechner eingebaut ist, dessen Akku durch meine Gedankenspinnerei immer wieder neu geladen wird. Als ob ich täglich neue Zahlen in ihn einspeisen würde, neue Formeln eintippen würde.

Aber was wäre wenn ich den Akku einfach leer werden lassen würde? Vielleicht würde dann alles an das ich mich klammere unwiderruflich  gelöscht? Vielleicht ist mein Modell so alt, dass es ein Ausschalten nicht aushalten würde und einen Totalausfall provozieren würde? Oder wäre mein Rechner einfach nur auf Stand-By? Stumm gestellt, rot leuchtend im Hintergrund, darauf wartend wieder angeschaltet zu werden um genau dort weiter zu machen wo er aufgehört hat?

Was wäre mit all den nährenden Informationen die ich jahrelang zusammengesammelt habe? All die Kalorientabellen, die ich zynischerweise als „Mitternachtsformeln“ bezeichne, weil ich sie immer abrufen kann, bei Tag sowie bei Nacht? Mein Konvertierer, der Lebensmittel in Zahlen und umgekehrt umwandeln kann? Dem Wissen wie viele Hampelmänner einem Löffel Nutella entsprechen, wie viele Male mein Finger in meinem Hals kratzen und kreisen muss bis warmes Erbrochenes in die Schüssel platscht? Wie viel verschlafene Frühstücke Haare auf dem Kissen bedeuten. Wann plus zu minus wird und wann Kontrollverlust wieder zur Kontrolle wird? Wann minus und minus nicht plus sondern kalte Finger und Halsschmerzen ergibt? Wann weniger nicht mehr sondern wirklich weniger ist. Wann mehr Weniger weniger Mehr ist und wann es Zeit ist aufzuhören?

So ein High-Tech Gerät, denke ich mir und dennoch gibt es immer noch kein Update, dass es mich spüren lässt wann genug ist. Wie ein Iphone das zu lang in der Sonne lag, heiß gelaufen ist, sich selbst auf Stand-By setzt und eigenverantwortlich auskühlt. Ich hingegen spüre die Hitze nicht, laufe einfach weiter und weiter und merke nicht wie ich mich selbst kaputt mache. Keine automatische Ausschaltfunktion.

Vielleicht liebe ich das surrende Geräusch, wenn das Getriebe im Kreis rennt, wie ein Hamster im Hamsterrad. Vielleicht bin ich der Hamster, vielleicht das Rad, vielleicht beides.  Wenn der Hamster müde ist, dann wird er langsamer, springt aus dem Rad und legt sich schlafen. Wenn ich müde bin, dann renne ich noch schneller, drehe mich um meine eigene Achse und lege meine Vernunft schlafen.Wenn der Hamster darüber nachdenken würde, vielleicht würde er einfach stehen bleiben und darauf warten dass das Rad sich ausbalanciert. Wenn ich einfach stehen würde, vielleicht würde ich dann endlich abkühlen und darauf warten dass meine Gedanken sich ausbalancieren.

 

 

Shower Thoughts

Fünf Minuten einwirken lassen steht auf der Flasche meiner Haarspülung.

Im Hintergrund plätschert die Dusche weiter, während ich einfach nur so dastehe, die Haare zu einem eingeschäumten Knoten auf den Kopf gedrückt, darauf wartend sie wieder auszuspülen.

Das Shampoo ist fast leer, bemerke ich.  Die Spülung hingegen ist noch ganz voll. Hat es jemals schon einmal jemand geschafft Shampoo und Spülung gleichzeitig aufzubrauchen?

Noch 4 Minuten und 30 Sekunden. Bin ich eigentlich ein ungeduldiger Mensch?

Ich glaube ja. Ich will alles immer jetzt gleich und sofort, will nicht unnötig warten, will keine Zeit verschwenden. Ich will dass zwischen Wollen und Haben keine Lücke entsteht. Dass auf den Wunsch sofort die Erfüllung eintritt. Ich will, dass alles in ständigem Austausch bleibt. Wäre ich Ökonom würde ich vielleicht sagen: Zeit ist Geld.

4 Minuten.

Heute Morgen habe ich eine Frau auf der Rolltreppe angefahren: Rechts STEHEN, links GEHEN! Nachdem ich resolut an ihr vorbeigerauscht war, fuhr mir meine U-Bahn direkt vor der Nase weg.

Worüber denken andere Menschen nach, während ihre Haarspülung einwirkt?

3 Minuten 30 Sekunden.

Was genau passiert eigentlich in diesen fünf Minuten, in denen diese parfümierte cremige Masse in meine Haare langsam einsickert? Ich stelle mir vor, ich bin wie eine Pflanze und betreibe Photosynthese. Meine Haare saugen sich Nährstoffe aus der Haarkur, essen sich satt und tanken Energie.

Das ist komisch, denke ich plötzlich. Wenn meine Haare sich sattessen um kräftig und glänzend zu bleiben, dann habe ich damit überhaupt kein Problem. Wenn ICH mich hingegen satt esse, dann ist das absolut ein Problem. Abgesehen davon, dass ich ohnehin keine Vorstellung davon habe, was „satt“ eigentlich bedeutet, wie es sich anfühlt, ist satt eigentlich nur ein Synonym für „voll“ und mit der Haarspülung über den Ohren kann es schon mal passieren, dass ich anstatt „voll“ „Völlerei“ verstehe.

Voll zu sein fühlt sich an als sei man ein mit Wasser gefüllter Ballon. Wenn man ihn hin-und her schüttelt dann spürt man den Inhalt wackeln und plätschern. Wenn der Ballon zu Boden fällt dann gleitet er nicht sondern sackt schwerfällig und mit einem hässlichen Geräusch auf den Asphalt. Manchmal platzt die Haut und der Inhalt entleert sich über die ganze Straße. Dann ist der Ballon zwar leer, aber zerrissen.

Neben der Dusche liegt der blaue Badezimmerteppich. Wenn ich mich wie ein mit Wasser gefüllter Ballon fühle, dann rolle ich ihn zu Seite, knie mich auf die kalten Badezimmerfließen und lasse meine Haut platzen. Ich kratze mit meinen gefährlich spitzen Fingern im hintersten Eck meiner Kehle, suche nach den richtigen Worten, nach den richtigen Gefühlen, den richtigen Bedürfnissen, aber heraus kommt immer nur der Inhalt meines Magens, der mit einem hässlichen Geräusch in die Toilette platscht. Vielleicht ist mein Hals nicht der richtige Ort um danach zu suchen.

Dramatisch ausgedrückt ist die Toilettenspülung sowas wie der Radierer meines Lebens – in jederlei Hinsicht. Sollte es jemals dazu kommen, dass tatsächlich ein „Radierer für das Leben“ erfunden wird, dann werde ich mir auf jeden Fall einen kaufen.

Wofür man so einen Radierer alles nutzen könnte…Ironischerweise fällt mir sofort nur eine Sache ein: Ich könnte einfach essen, so viel ich will, was ich will, so lange ich will, wann ich will, wie ich will. Und dann, dann würde ich meinen Radierer nehmen, ihn über meine Haut rubbeln, solange bis ich sie dünn und transparent geschrubbt habe. Solange, bis ich sehen kann, wie das Essen aus mir herausgepresst wird und ich mit jedem Atemzug flacher werde. Bis der Radierer des Lebens alles Leben wegradiert hat.

Die fünf Minuten sind schon seit 2 Minuten rum. Die Spülung klebt immer noch in meinen Haaren, die in einem Knoten auf meinen Kopf aufgedrückt liegen. Die Dusche plätschert im Hintergrund, meine Hände sind schon etwas schrumpelig.

Vielleicht, denke ich mir, vielleicht brauche ich anstatt dem Radierer doch lieber eine Haarspülung für mein Leben. Sorgfältig auf den Körper auftragen, einmassieren, fünf Minuten einwirken lassen. Kontakt mit den Augen vermeiden, dann gründlich ausspülen.

 

 

 

An den Tagen…

An denen die schwierigste Aufgabe des Tages Zähneputzen ist.
Wenn du schon morgens fest den Plan hast, dich auf jeden Fall in der nächsten Stunde aufzuraffen, dich aus dem Bett zu rollen, zur Not mit einer Crash-Landung auf den Boden.
Wenn du mit einem knackenden Geräusch auf das Parkett knallst,
alle Viere von dir gestreckt auf dem Rücken liegend, wie ein Käfer der es nicht schafft sein eigenes Gewicht wieder umzudrehen. Platt unförmig und schwer, zu müde um dich zu bewegen, zu müde um einfach wieder einzuschlafen.
Wenn du beschliesst einfach dort liegen zu bleiben, auch wenn dir ohnehin nichts anderes übrig bleibt. So hast du wenigstens noch die Wahl. Wenn du dort liegst, eine Stunde, 2,3,4. Wenn es bereits Mittag ist und du immer noch nicht deine Zähne geputzt hast. Wenn die Wasserflasche auf dem Nachttisch zu weit entfernt ist, um sie mit dem ausgestreckten Arm zu greifen. Wenn du dich etwas nach links rollst, ohne dich wirklich zu bewegen und du die Flasche trotzdem nicht greifen kannst. Wenn du stattdessen einfach die Augen schließt und dir sagst, du hättest keinen Durst.
Wenn es bereits Nachmittag ist, du noch immer nichts getrunken hast und sich dein Mund eklig trocken und pelzig anfühlt. Wenn du noch immer nicht deine Zähne geputzt hast. Wenn dein Telefon klingelt und du schon gar nichtmehr versuchst den Hörer abzunehmen. Wenn der Postbote klingelt um ein Paket abzugeben und du immer noch auf dem Boden liegst, Arme und Beine von dir gestreckt, Mund immer noch pelzig, Atem sauer, Zähne ungeputzt.
Wenn du um 18 Uhr ein Bein langsam aufstellst, dann das andere. Wenn deine Arme schlottern und wackeln als du versuchst dich mit ihnen nach oben zu drücken. Wenn du endlich wieder auf zwei Beinen stehst und es sich schrecklich unnatürlich anfühlt. Wenn du am liebsten wieder zurück ins Bett fallen würdest, Arme und Beine angewinkelt, Decke hochgezogen bis zum Hals, Augen zu, Licht aus. Wenn du stattdessen mit schweren Armen den Deckel von der Wasserflasche abdrehst und dir langsam kühle Tröpfchen den Hals herunterkullern. Wenn du dir wünscht sie wären warm und salzig und würden dir stattdessen über die Wangen rollen. Wenn du deine Augen zusammenpresst, ganz fest, und versuchst die Müdigkeit auszuweinen, auszuscheiden, wie gefilterte Schadstoffe einfach auszupinkeln. Wenn deine Augen trocken bleiben und sich dein Hals wieder mehr zusammenzieht. Wenn dein Tränenkanal offenbar immer noch verschlossen ist und du ein weiteres Mal gezwungen bist alles wieder runterzuschlucken. Wenn ein klumpiger Haufen Matsch in deinem leeren Magen landet und dich noch fester zu Boden drückt. Wenn du dich mit schleifenden Füssen ins Badezimmer ziehst. Wenn du die Zahnbürste anstellst, Wasser über den Bürstenkopf träufeln lässt und dich währenddessen im Spiegel ansiehst. Wenn deine Augen verklebt und verquollen aus dunklen, schwarzen Höhlen hervorschauen, deine Wangenknochen sich gegen deine Haut drücken als wollten sie sich befreien. Wenn deine Mundwinkel trocken und rissig feine Linien in deine Haut gegraben haben, sodass es fast so aussiehst als würdest du immer lächeln.
Wenn deine Haare strohig und verknotet ungewaschen auf deinem Schädel aufliegen und du dich fragst, ob sie noch immer eine Farbe haben.
Wenn du die elektronische Zahnbürste in den Mund steckst, sie einfach nur hälst und von Zeit zu Zeit zum nächsten Zahn weiterfährst. Wenn aus deinem halboffenen Mund weisser Zahnpastaschaum auf dein graues Tshirt tropft und mit den anderen Flecken ein Muster bildet.
Wenn du erschöpt zurück ins Wohnzimmer gleitest, die Wasserflasche zurück auf den Nachttisch stellst und dich bauchwärts aufs Bett zurückfallen lässt. Wenn du die Augen schliesst und dir wünscht endlich einzuschlafen und du plötzlich gar nichtmehr müde bist.

Kalter Krieg

Als ich das erste Mal im Fernsehen das Wort „Problemzone“ hörte war ich 8 Jahre alt.

Ich kannte die Fußgängerzone, die zum Haus führte in dem ich wohnte und die Straße nebenan, in der war eine Tempo-30-Zone und im Schulsport, bei Brennball, da gab es eine Feuerzone, die man nicht betreten durfte selbst wenn man bereits abgeworfen wurde. Und wenn ich mit der S-Bahn in die Innenstadt fuhr passierte ich genau 5 Zonen, weil ich in der Vorstadt wohnte. Was aber bitteschön war eine Problemzone?

Doch dann lernte ich, dass genau so eine Zone bereits auch in mir wohnte und sie wie eine Zeichnung ohne Schablone, meine Statur an all den falschen Stellen betonte, schräge Linien formte und zu meiner persönlichen Kampfzone wurde.

Unproportioniert und hexagonal, unten zu breit und oben zu schmal, ausladende Hüfte, einladende Gelüste, ungleichgroße Brüste, Beine zu kurz und Arme zu lang und über alldem zu breit im Umfang. Die Liste wurde lang, zu lang.

Mit 13 wurde meine Problemzone zu einer Besatzungszone. Zu viel Schokolade und Pizza hatte es sich auf meinen Hüften bequem gemacht. Eiscreme hatte meine Oberarme erobert, eine Gummibärchen-Armee hatte meine Oberschenkel eingenommen. In der großen Schlacht von Salami erlagen die Diätjoghurts dem Vanillepudding. Die Fettzellen breiteten sich auf meinem Körper aus, beanspruchten die ganze Fläche für sich und bauten große, dicke, fette Mauern um ihr Areal.

Und doch gab es keinen Gewinner. Mein Körper erklärte den Kampf gegen sich selbst, geritten von blinder Zerstörungswut und Hass. Die Fronten waren verhärtet und schwabbelig zugleich.  Meine Knochen versteckt hinter einer Wand, viel zu weich.

Vielleicht war dieser Krieg von Anfang im Ungleichgewicht. Meine Arme, Beine und mein Herz im Bündnis, gemeinsam gegen meinen einsamen Kopf.

Mit 16 dauerte der Krieg bereits 3 Jahre und hatte schon einige Opfer verlangt. Mit psychologischer Kriegsführung und Hinterlist hatte mein Kopf es geschafft, mehr als die Hälfte der mächtigen Fettzellen aufzufressen. Hatte sich angeschlichen und sich durch die Bauchdecke gebissen, riesige Stücke Fleisch herausgerissen, ohne Skrupel und ohne Gewissen. Hatte ganze Fetzen Haut geschluckt, gekaut und ausgespuckt. Hatte in pralle Backen gegriffen, sich die Zunge scharf mit Rasierklingen geschliffen. Hatte Waden mit Hobeln ausgehöhlt und sich die Gelenke mit Essig geölt, die Kehle mit Säure ausgespült und sich im kalten Winter die blauen Lippen mit Feuer gekühlt.

Eine Fettzelle nach der anderen verendete kläglich und wurde von der Magensäure vom Schlachtfeld gespült. Manche kapitulierten und sprangen freiwillig über Bord.

4 Jahre später, der Kopf beherrscht nun mehr als 90 % meines Körpers. Wo einst einmal Fettzellen waren sind jetzt nur noch kleine rote Kreuze in die Haut geritzt.  Namenlose Gräber.

Für einen Waffenstillstand ist es zu spät. Schon lange hat der Kopf keine Feinde mehr zu fürchten, hat alle vernichtet und totgehungert. Mein Körper nunmehr nicht mehr eine Problemzone, sondern nur noch ein Problem. Knochen so hart wie altes Brot, an denen jede Kalorie abprallt wie ein Flummi vom Parkett. Es geht nicht mehr ums Gewinnen. Es geht um den größtmöglichen Schaden, den Supergau. Das Herz in seinem Bunker tritt mit letzter Kraft in die Pedale um weiterhin für Strom zu sorgen. Die Konservenreserven neigen sich dem Ende. Mit jedem Tag schlägt es ein bisschen langsamer, ein bisschen weniger.

Der Kopf hingegen rechnet fleißig weiter, unermüdlich und wacher wie nie zuvor. Addiert negative Kalorien, entwickelt neue Strategien um den Körper weiter zu reduzieren und die Gedanken noch mehr zu infizieren, mehr zu infiltrieren, mehr und mehr Gewicht zu subtrahieren, weiter an die Unvernunft zu appellieren und im Kampf gegen sich selbst zu brillieren.

Das Herz klopft im ¾ Takt während der Kopf schreit: Ich will, dass meine Finger sich um meinen Oberarm schließen. Ich will, dass meine Hosen in Kindergröße wieder passen. Ich will, dass meine Wangen so hohl sind, dass meine Augen fast aus den Höhlen fallen. Ich will, dass wenn ich aufwache ein Bündel Haare auf dem Kissen ist. Ich will so leicht sein, dass wenn ich von der Brücke springe mein Körper einfach verschwindet, ohne Aufprall. Ich will, dass wenn sie mich beerdigen, sie sich fragen, ob im Sarg überhaupt noch etwas, jemand liegt.

2 Jahre später. Kopf verwundet im Lazarett. Verkabelt an Maschinen, in Schläuche  und Bandagen gewickelt. Eines nachts hat sich das Herz aus dem Bunker geschlichen, die Lichter angeschaltet und den Mund so weit aufgerissen, dass der Körper gar nicht anders konnte, als eine Portion Licht zu verschlucken. Hat gewürgt und geröchelt, hat versucht es hochzupressen, aber nichts hat funktioniert. Die ganze Nacht lag er da, auf dem kalten gefliesten Boden im Badezimmer, in Gebetstellung kniend vor dem Klo, aber nichts kam mehr raus.

1 Jahr später. Bin jetzt eine Trümmerfrau. Baue auf, was ich einst zerstörst habe. Die Lücken zwischen den Rippen fülle ich mit Kartoffeln und Brot. Ich lege mich auf die Leinwand aus Papier, strecke die Arme und Beine von mir, als sei draußen Winter und ich liege hier, im Schnee und forme einen Winterengel.  Ich sehe dabei zu wie die Ruine meiner zerstörten Heimatstadt neu bebaut wird. Es gibt hier jetzt sogar einen Kinderspielplatz. Wunden heilen, Bäume wachsen.

Nachkriegszeit.

Schmetterlingssterben

In einer existenziellen Krise hatte ich einmal Google nach dem Sinn des Lebens gefragt und landete auf Wikipedia. Wenn nicht dort, wo sonst würde es eine vernünftige Antwort auf diese Frage geben, dachte ich mir.

Wikipedia legte mir die philosophischen Hintergründe der Sinnfrage selbst, die Rolle des Buddhismus, des Hinduismus, den Einfluss von Platon, Sokrates, die Evolution des Universums und des Existenzialismus und letztendlich sogar den Zusammenhang mit Gott dar. Doch auf Unmengen von rhetorischen Fragen folgten dennoch keine Antworten. Am Ende ließ mich Wikipedia mit einem Zitat der Band „Die Prinzen“ von 1995 ratlos zurück.

Unter der Rubrik „Humoristische Antworten“ folgerte Wikipedia abschließend:

Du musst ein Schwein sein in dieser Welt.“ (Im Text:…Du musst gemein sein in dieser Welt …). Hit von Die Prinzen, (1995)

Damit ist es dann wohl offiziell. Die einzige richtige Antwort auf die Frage, worin der Sinn unseres Lebens liegt, ist Zynismus.

Über Umwege und mindestens genauso existenziell bedeutende Fragestellungen, kam ich auf eine Seite, die mit einer „Anleitung zum Glücklich Sein“ teaserte. Zugegebenermaßen gewagt, aber werbetechnisch wirkungsvoll.

Im 90er Jahre Website-Stil plätscherte ein animierter Bach oben rechts beruhigend zu meditativen Klängen, die ungefragt und ohne Stopp-Funktion einfach drauflos spielten, sobald man das Fenster öffnete. Ich schaltete die Boxen aus.

Wenn man die Maus bewegte, dann folgte meinem Pfeil ein Schweif aus Rosen. Professionell und vertrauenerweckend also,  keine Frage.

Stepp 21 von 200 auf dem Weg zum Glücklich Sein, erklärte dass es hilfreich sei, ein Glückstagebuch zu führen. Ein Tagebuch also, in denen nur die glücklichen Momente des Tages gesammelt würden.

Jeden Tag sollte man sich also besinnen und versuchen, sich an eine schöne Sache, eine schöne Begegnung, einen glücklichen Moment der einem widerfahren ist zu erinnern.

Was für ein esoterisches Therapeutenzeugs habe ich mir gedacht.

„Notieren Sie die kleinen Dinge. Überlegen Sie einmal: Worüber haben Sie sich heute gefreut? Erwarten Sie keine großen Dinge. Seien Sie achtsam und versuchen Sie, mit offenen Augen durch den Tag zu gehen. Haben Sie heute vielleicht einen Schmetterling gesehen, wie er an Ihnen vorbeiflog oder sich neben Sie niederließ? Schreiben Sie es auf. Haben Sie eine schöne Blume gesehen? Richten Sie Ihr Augenmerk auf die Details.“

Ernsthaft? Ein Schmetterling? Ich war bereits dabei meinen Gästebucheintrag abzuschicken, in dem ich ausführlich darüber informierte, dass es seit einigen Jahren ein regelrechtes Schmetterlingssterben gäbe und dass einige Arten bereites so gut wie ausgerottet seien.

Dann schloss ich plötzlich die Seite, ging zum Bücherregal und kramte ein leeres, kariertes Din-A4 Heft heraus. „Gründe, sich nicht umzubringen“ schrieb ich auf das Etikett. Ich war schon immer eher Realist, als Optimist.

Wenn ich mich heute Frage, was der Sinn des Lebens ist, dann habe ich darauf immer noch keine Antwort. Auch auf Wikipedia steht dazu nichts Neues. Immerhin ist der Artikel mittlerweile in die Rubrik „lesenswert“ avanciert.

Dafür habe ich eine lange, lange Liste voller Antworten, warum es nicht wichtig ist DEN EINEN Sinn des Lebens zu ergründen. Ich habe eine Liste voller Dinge, die allein und für sich, Sinn genug sind, den Nicht-Sinn des Lebens anzuzweifeln. Was ich meine ist:

Heute habe ich auf dem Weg nach Hause eine Katze gesehen. Als ich versucht habe sie zu streicheln, ist sie nicht vor mir weggerannt. Ihr Fell war weich und getigert. Ein Tag, an dem man eine Katze streichelt, ist kein Tag an dem man sich umbringt.

Ich blättere weiter.

Heute habe ich habe heute einen erstaunlich gleichmäßigen Lidstrich gezeichnet. Der Tag, an dem man den perfekten Lidstrich zaubert, ist keiner, an dem man sich umbringt.

Heute habe ich den Bus bekommen – ohne Rennen!

Heute wurde ich an der Kasse im Supermarkt vorgelassen.

Heute habe ich geweint ohne meine Mascara zu verschmieren.

Heute habe ich zum ersten Mal die neuen Nachbarn gesehen.

Heute habe ich den Wissenstest des Tages auf ZEIT.de mit 7/8 Punkten geschafft – ohne Google!

Heute habe ich es aus dem Bett geschafft und sogar zum Briefkasten.

Heute habe ich es rechtzeitig ans Telefon geschafft.

Heute habe ich eine wirklich hübsche Paprika gekauft.

Heute habe ich endlich ein paar alte Dinge ausgemistet.

Heute habe ich an meinen Regenschirm gedacht.

Heute habe ich an meinen Regenschirm gedacht, aber es hat gar nicht geregnet.

 

 

Ist das Kunst oder kann das weg?

Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen unbenutzt stehenlasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?« fragte der Aufseher, »wann wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler»

(…)

Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler. »Da sieh mal einer«, sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?«

 »Weil ich«, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verlorenginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.«

Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er weiterhungere.

– aus Franz Kafkas „Ein Hungerkünstler“ (1922)

95 Jahre ist bereits her,  dass Kafkas Hungerkünstler in seinem Käfig den Hungertod gefunden hat. Schon damals sei das Interesse an Hungerkünstler sukzessive zurückgegangen sein, berichtet Kafka. Der Hungernde hatte es schwer, die Massen für sich zu begeistern. Der video killed the radio star – Effekt machte auch vor der Hungerkunst keinen Halt.  Die Kunst des Hungerns war selbst am Verhungern. Doch wie jeder Trend wird alles irgendwann einmal wieder modern. So auch das Hungern. Neben Leggings, Neonshirts und Schlaghosen kam auch das Hungern wieder in Mode.

Was also macht den modernen Hungerkünstler von heute aus?

Ich stelle mir vor, wie sich die Hungerkünstlerin in ihren Käfig begibt. Das ist der erste Unterschied: Der Hungerkünstler von heute ist weiblich.

Schon immer wollte sie die Menschen mit ihrer Hungerkunst begeistern. Doch niemand glaubte daran, dass sie eine gute Hungerkünstlerin sei. Niemand wollte ihr einen Käfig geben. Da bastelte sie ihn sich kurzerhand selbst. Die Menschen werden schon kommen, wenn sie sehen, welche Fähigkeiten sie in sich birgt.  Über den Boden verteilte sie Stroh und leere Kaugummipapierchen, die Wände beklebte sie mit Kalorienangaben. Es sollte alles echt wirken. Einen Schlüssel gab es nicht. Nur ein paar Maßbänder hingen von der Decke wie Seile. Über ihnen fällt ein Spalt Sonnenlicht hinein. Irgendwann wird sie leicht genug sein und an ihnen aus dem Käfig hinausklettern.

Und tatsächlich, die Menschen kommen. Anfangs skeptisch, hat sie mittlerweile eine richtige Stammgemeinde für sich gewinnen können. Auch die bösen Zungen bleiben nicht aus. Sie würde heimlich essen, sagen sie. Die Hungerkünstlerin ist entschlossen auch die Kritiker zu überzeugen. Selbst das Wasser lässt sie weg.

Einmal versuchte sie über das Maßband zu entkommen. Doch genau in diesem Moment kam einer vorbei, nur um nachzusehen ob die Hungerkünstlerin noch am Leben war. Das Gewicht der Scham zog sie sofort zu Boden.

Mittlerweile ist ihre Haut fast so transparent wie das kurze Kleid das sie trägt. Jede Rippe scheint durch den Stoff hindurch.  Um sie herum Menschen, die sich an ihrer Erscheinung ergötzen. Wie gerne würden auch sie einmal ihre dünnen Arme betatschen nur um Zeuge ihrer Magerkeit zu sein. Es ist Sensationsgier und Faszination zugleich. Irgendetwas an ihrer fragilen Erscheinung provoziert die Aufmerksamkeit der Zuschauer.  Vielleicht ist es ihre Entschlossenheit, vielleicht ihre Disziplin, vielleicht ihre aufrechte Haltung. Vielleicht sind es die Augen, die so scharf und klar sind, dass sie geradeaus durch sie hindurchsehen können.

Doch nach Jahren des Hungerns ließ das Interesse der Menschen stark nach. Manchmal kamen Menschen und tuschelten. Die Eltern schoben die Kinder am Käfig vorbei und hoben ihnen die Hand vors Gesicht, sodass sie keinen Blick auf den ausgezehrten Körper der Hungerkünstlerin werfen konnten. Einmal kam einer, der versuchte ihr eine Scheibe Brot durch die Gitterstäbe hindurchzuschieben. Doch die Hungerkünstlerin zog die Hand zurück und verneinte. Zu groß die Angst davor, das ganze Hungern sie umsonst gewesen.

Eines Nachts sah sie durch den dünnen Spalt eine Sternschnuppe über sich hinwegfliegen. Sie schloss die Augen und dachte fest an ihren größten Wunsch. Sogleich darauf, griff sie mit Schwung nach dem Maßband. Dieses Mal klappt es. Das Band schwenkt ein wenig von links nach rechts. Die Öffnung des Käfigs war bereits zum Greifen nah.  Mit einer Hand in Freiheit, fällt sie plötzlich rückwärts zu Boden. Ihre Kraft hat nicht ausgereicht.

 

 

 

16,6 %

Wisst ihr, wie groß das Risiko ist, sich die tödliche Kugel im Russisch Roulette in den Kopf zu jagen? Die Antwort lautet 16,6 %. Wikipedia nennt es ein „potentiell tödliches Glücksspiel.“

Man ist quasi zu 16,6 % suizidgefährdet.

Ich frage mich: Wieso werden Essstörungen auf Wikipedia eigentlich nicht auch als potentiell tödliches Glücksspiel beschrieben? An Magersucht sterben nach den neuesten Statistiken etwa 10-15 %. „Essgestörte haben ein Suchtgehirn“ sagt meine Therapeutin hin- und wieder und ich glaube ich verstehe jetzt was sie meint.

Ich spiele schon lange. In der Spielhalle nebenan kennt man mich. Ich habe meinen Stammplatz und meine Lieblingsautomaten. Der Inhaber kennt mich beim Vornamen. Ich bringe immer ein Handtuch, eine Wasserflasche und meine Musik mit. Zu schnellen Aerobic-Techno-Pop-Remix-Sounds steuere ich meine Arme und Beine mit den 2-Kilo Hanteln durch den Trainingsparcours. Ich springe über Hindernisse, weiche blitzschnell aus, drücke genau im richtigen Moment. Jackpot. Der Schrittzähler blättert geräuschvoll. Der Kalorienverbrauch ist mein Gewinn. Ich will mehr, noch mehr. Bei -1200 Kalorien muss ich weitere Münzen einwerfen, aber ich habe nichts dabei. Aber das macht nichts, denn ich lasse mir die Extrakosten einfach immer aufschreiben, mit dem Versprechen dass ich wieder kommen und zahlen werde, dass ich daheim alles nachholen werde, dass ich die fehlenden Kalorien wieder gut machen werde. Das scheint kein Problem zu sein. Ich bin ein guter Kunde.

In Wahrheit zahle ich meine Spielschulden nie. Ich kann nicht, habe doch gar kein Geld mehr auf dem Konto. Aber genau deswegen spiele ich ja, um mehr zu verdienen. Sodass ich irgendwann eine riesige Summe gewinnen werde, mit der ich alles abbezahlen kann. Der Weg dahin ist steinig: Aber Erfolg kommt eben nicht von Ungefähr. Irgendwann werde ich gewinnen und dann werde ich zufrieden und glücklich sein.

Es ist spät, schon fast 9 Uhr. Eigentlich sollte ich nach Hause gehen. Aber ich bin hier noch nicht fertig. Da geht noch mehr, das spüre ich. Gerade eben kam mir eine ganz fixe Idee, wie ich mein Kalorienkapital noch weiter steigern kann. Also renne ich weiter, immer weiter, die Techno-Musik dröhnt in meinen Ohren.

Auch daheim dröhnt es weiter. Überall stehen Automaten, überall Coins und Chips. Der wichtigste Automat ist der im Badezimmer. Wie ein Altar thront er neben der Waschmaschine. Ich ziehe meine Kleidung aus und mache einen Schritt auf die Waage. Die digitalen Ziffern wandern langsam nach oben und ich versuche, im richtigen Moment zu stoppen. Ich versuche den Hebel in der richtigen Sekunde zu ziehen, versuche die gewinnende Zahl zu erzielen. Es ist ein bisschen wie Lotto. Die Zahlen ändern sich stets, bleiben nie gleich. Jede Woche sind es neue Werte, die mir den gewinnbringenden Sieg verschaffen. Anstatt sechs, gibt es hier nur vier Treffer. Jede Ziffer zählt, auch die hinter dem Komma. Die Chancen stehen 1:1000000.

In der Küche verwandelt sich meine Gabel in einen Revolver und zeigt mit ihren spitzen Zacken auf mich. Ich öffne den Mund, in dem Wissen, dass jeder Bissen einer zu viel sein kann. Jedes Mal wenn ich die Gabel wieder zum Mund führe, kalkuliere ich das Restrisiko.

Mit der Gabel in der Hand denke ich:  Was sind schon 16,6 Prozent?

Reportage zum Thema Essstörungen -Aufruf!

Anbei stelle ich für euch einen Aufruf von Daniela von der Produktionsfirma 99pro bereit. Ich finde, dass es wichtig ist authentische und ehrliche Berichte zum Thema Essstörungen an die Öffentlichkeit zu bringen. Gerade ein so oft missverstandenes und medial geprägtes Thema braucht die öffentlichkeitsaufmerksame Aufklärung von Seiten Betroffener.

Daher seid ihr, die ihr das lest und ins Profil passt, herzlichst aufgerufen euch zu melden, falls ihr euch vorstellen könnt an so einem Bericht mitzuwirken.

 

ERZÄHL UNS DEINE GESCHICHTE!
Wir suchen Kinder und Jugendliche (ca. 5-17 Jahre alt), die sich infolge einer Erkrankung in einer schwierigen Lebenssituation befinden. Wir möchten Familien, denen aufgrund solcher Schicksale eine besondere Stärke abverlangt wird, die Chance geben, sich mitzuteilen und andere an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Um Verständnis zu schaffen und um Mut zu machen. Unsere Reportage wird absolut authentisch erzählt, das heißt: Wir passen uns deinem Lebens-Rhythmus an.
Ein halbes Jahr möchten wir Euch im Alltag und bei wichtigen Ereignissen begleiten. Für die Reportage sind ca. 10 Drehtage geplant. Wenn Du Dich von uns mit der Kamera begleiten lassen möchtest, dann kontaktiere uns.
Tel.: 0341 97 4251 71
daniela.franzisi@99pro.de http://www.99pro.de

Pro Ana Salonfähig

Schuld ist ein ziemlich ekliges Wort. Schuld schmeckt selbst mit Zuckerguss noch bitter. Verständlich also, dass man als guter Gastgeber besser nicht zugibt, dass man den Kuchen mit einer Prise Schuld gewürzt hat. Lieber reicht man die Schuld durch die Reihen weiter, bis sie irgendwo wieder an anderer Stelle auftaucht und man mit erhobenem Zeigefinger rufen kann: „Da ist sie, die Schuld!“

Als bereits vor mehr als einem Jahrzehnt das Internet-Phänomen „Pro Ana“ seine Hochphase erlebte, konnte man beobachten wie der Schuldbegriff durch die verschiedensten Institutionen wanderte und letztendlich bei den Medien hängen blieb. Vor allem Formate wie „Germanys Next Topmodel“ oder Magazine wie die „Vogue“ sollten die sein, die Schuld waren – an allem. Am vorherrschenden Frauenbild, an dem Magerwahn, dem geringen Selbstbewusstsein junger Mädchen, an den skurrilen Vorlieben der Modeschöpfer, an Programmen wie Photoshop, an der Ungleichbehandlung beider Geschlechter…die Liste könnte unendlich fortgesetzt werden. Ein Sündenbock für längst bestehende gesellschaftliche Probleme und Entwicklungen wurde identifiziert.

Innerhalb der Medien wurde wiederum ein interner Kampf ausgefochten. Die Magazine warfen die Schuld über den Zaun in den Garten von Heidi Klum. Das Modelformat bezichtigte große Marken und Designer und die nahmen letztendlich den Schuldklumpen und schickten ihn zurück wo er hergekommen war. Ein Kreislauf.

Mit neuen Gesetzen und dem Sperren zahlreicher Websites flachte die Diskussion langsam wieder ab. Hin und wieder ploppte ein kleiner Zeigefinger auf, zum Beispiel als ein Laufstegmodel an den Folgen ihrer Magersucht verstarb, oder als Isabelle Caro 2007 das „No Anorexia“ Plakat authentisch bebilderte. Aber vordergründig war die Message eindeutig: Die Medien-und Modewelt hatte verstanden. Magermodels wurden verboten, Seiten gesperrt, Hilfskampagnen gestartet. Also nehmt gefälligst den Zeigefinger runter und sperrt die Schuld wieder zurück in den Tresor.

2016 ist von dem mahnenden Zeigefinger nichts mehr geblieben. Pro Ana ist salonfähig geworden. Insbesondere ein Artikel, den ich erst gestern entdeckt habe, hat mich besonders schockiert.

„An Weihnachten nicht zunehmen? So geht’s!“ lautet die Headline in der Rubrik „Gesundheit“ des Frauenmagazins Brigitte. Ein Salatweihnachtsbaum mit Beerenkugeln, der auf einem Teller liegt, leitet den Artikel ein. Ich habe diese Art Foto schon einmal gesehen. Lange ist das her, sehr sehr lange.2005 muss das gewesen sein, als auch ich den Weg in die geheime Pro-Ana Welt des Internets gefunden habe. Vorbei an schwarz-weiß gifs blutender Unterarme, vorbei an Zeichnungen von dürren Elfenwesen mit gebrochenen Flügeln, bis hin zum Portal des Forums „Thindarella“ das einen leeren Teller mit einem Salatblatt als Titelbild gewählt hatte. „Dont Eat“ stand kursiv und in Times New Roman darunter. Dont Eat war auch das Motto der Thindarellas. In der Rubrik „Tipps und Tricks“ gab es die entsprechende Anleitung dazu.

Im Artikel sind es keine Tipps oder Tricks – es sind Strategien. Nichtsdestotrotz kommen mir auch die unheimlich bekannt vor.

Strategie 1 zum Beispiel, lautet:

„Essen elegant umschiffen“

Ich lache innerlich in mich hinein und denke daran wie unelegant doch meine ersten Umschiffungsversuche waren. Wie ich täglich allergischer gegen hochkalorische Nahrungsmittel wurde, vom Vegetarier zum Veganer zum Frutarier wurde, eine ganz spezielle Lacto-Ovo-Gluten-Fructose-Intolreanz vermutete und wie ich mir alle zwei Wochen einen bösen Magen-Darm-Infekt eingefangen hatte.

Strategie 2 rät:

„(…) anstatt mit der Familie bis in die Puppen rumzuhängen und bunte Teller leerzuessen (…)“

lieber ein bisschen mehr zu schlafen.

Das ist einfach denke ich mir. Wenn man den ganzen Tag damit beschäftigt ist Kalorien zu zählen, Essen zu planen, Essen zu betrachten, Rezepte zu wälzen, Pizzacollagen zu basteln und Kekse zu backen, dann hat man ohnehin keine Energie für Familienabende mehr.

Besonders Strategie 3 sticht mir ins Auge:

„Echt cool – eure Wohnung.“

Hier wird geraten die Zentralheizung auszustellen.

„(…) Je kälter der Raum, desto mehr muss der Organismus ackern, um sich auf Betriebstemperatur zu bringen. (…).“

Ich erinnere mich. Im „Tipps und Tricks-Thread“ der Thindarellas war das Eiswasserbad wochenlang der heisseste Tipp. „Ich habe gehört dass Ana C. Reston sich immer in eine mit Eiswürfeln gefüllte Badewanne gelegt hat um Kalorien zu verbrennen“ wurde diskutiert. „Habt ihr es schon probiert? Funktioniert es?“ Jeder im Forum wusste wer Ana C. Reston war. Als das brasilianische Model 2006 an Organversagen starb, betrug ihr BMI 13,2.

Auch die Strategien 4 bis 10 klingen verdächtig nach eben jenen Strategien, die einst von sehr kranken Mädchen entwickelt wurden und dann tausendfach und in zig Sprachen in die weite Welt des Internets getragen worden sind. Das Stichwort „Pro Ana Tipps“ führt bei Google zu unzähligen Treffern, die auf Blogs wie beispielsweise diesen hier führen: https://mirror-mirror-on-the-wall.jimdo.com/hunger/. Wenig überraschend, dass ich fast alle Strategien des Brigitte Artikels auch hier vorfinde.

Wie kann es sein, frage ich mich, dass eine Frauenzeitschrift ganz ungeniert so etwas schreiben kann und sich im nächsten Augenblick für selbstbeständige und unabhängige Frauen aussprechen kann und dass niemand einen Widerspruch hierin sieht?

Sind das wirklich die Dinge, die Frauen an Weihnachten beschäftigen? Kalorienverbrauch durch Frieren?

Wenn Angela Merkel einen besseren Geschmack in puncto Hosenanzüge aufweisen würde und an Weihnachten weniger schlemmen würde, hätten wir dann bereits Fortschritte in der Asyl-und Flüchtlingspolitik verzeichnen können? Hätte die Finanzkrise verhindert werden können? Wenn Hillary Clinton Eiswasserbäder genommen hätte, hätte sie vielleicht die Wahl gewonnen?

Haben Frauen jahrhundertelang für Emanzipation gekämpft, um sich heute, 2016, darüber zu definieren, wie wenig sie an den Weihnachtsfeiertagen zunehmen können?

Kommen wir zurück zu der Frage nach dem Zeigefinger und der Schuld. Sind wir vielleicht selbst daran schuld? Sind es wir Frauen, die nach solchen Inhalten verlangen und sie insgeheim, wenn keiner hinschaut, verschlingen wie einen Low-Cal-Soja-Latte-Schokochino mit Stevia? Wollen wir die Karrierefrau sein, die verdammt sexy in ihrem Bleistiftrock aussieht und mangelnde Kompetenz mit Attraktivität ausgleichen kann? Wollen wir die Super-Power-Frau sein, die Kinder und Karriere unter einen Hut bringt und neben ehrenamtlichem Engagement noch Zeit dafür findet jeden Sonntag Kuchen zu backen? Die, die mit einer Pizza in der Hand auf dem Laufband steht und einem Ideal hinterherrennt, dass sie innerlich verteufelt? Ich habe ein bisschen Angst davor, dass die Antwort ja lautet. Denn es ist nun einfach mal so, dass die Redaktion jeder Modezeitschrift und jedes Frauenmagazins zum Großteil aus Frauen besteht.

Die Nachfrage bestimmt das Angebot, würden Wirtschaftswissenschaftler vermutlich sagen. Und um für das nötige Marktgleichgewicht zu sorgen, müssen Frauen an Weihnachten fasten und Männer Rehbraten verspeisen.

Besagten Artikel habe ich über die Brigitte-App gefunden. Ich habe sie mir selbst heruntergeladen. Gerne beschwichtige ich mich selbst, dass ich die Inhalte darin ja gar nicht wirklich ernstnehmen würde, dass ich nicht so oberflächlich bin. Und doch sitze ich hier, an Weihnachten und tippe 2000 Zeichen zum Thema Abnehmstrategien. Eine Ansicht, die salonfähig geworden ist, das ist eine die früher mal inakzeptabel und als zu extrem angesehen wurde. Eine, die heute den Nerv der Zeit trifft und irgendwie, auch wenn man es nicht so recht zugeben möchte, genau das widergibt, was man eigentlich denkt.

Vielleicht sind es also nicht die Medien, die Zeitungen, die Hochglanzmagazine, die dürren Models in Paris oder Heidi Klum die Magersucht salonfähig gemacht haben. Vielleicht sind es auch wir selbst.